Mit sicherem Blick wählt Ronny Hientzsch aus Meersburg die Kürbisse aus. Er klemmt sich drei Hokkaidos unter die Arme und trägt sie zum Auto. Beim nächsten Gang hat er einen gesprenkelten Spaghetti-Kürbis und einen Bläulich-Weißen der Sorte „Permanent“ unter dem Arm. Das reicht für diesen Tag. Ronny ist Chefkoch in einem Gasthaus in Meersburg. Auf der Speisekarte stehen Nudeln mit Kürbis und eine Kürbissuppe mit Kokos. Dafür hat er gerade am Stand von Bruno Stotz in Wirrensegel bei Markdorf Nachschub eingekauft. Er stopft das Geld dafür in den Metallbehälter, der an einem Betonklotz befestigt ist.

Kürbisbauer Bruno Stotz beobachteet den Kauf. Es sind seine Kürbisse, die Ronny Hientzsch  zielsicher ausgewählt hat. „Sie sind immer frisch und schmecken gut“, betont der Chefkoch. Deshalb fahre er regelmäßig die paar Kilometer aus Meersburg raus zum Stand von Bruno Stotz. Der freut sich, dass seine Kürbisse so gut ankommen. „Das ist der Lohn für die viele Arbeit“, sagt er.

In diesem Jahr mussten er und seine Familie besonders viel Aufwand betreiben, um die Kürbisse groß zu bekommen. Mit dem nassen und kühlen Frühjahr hatten sie einen schlechten Start. Dann fing das Unkraut an zu wuchern, und weil der Boden so nass war, konnte Stotz nicht mit der Maschine auf die Felder fahren. „Wir mussten das Unkraut von Hand jäten.“ Bei einer Fläche von fünf Hektar ist das richtig viel Arbeit.

Der 23-Jährige ist Kürbisbauer aus Leidenschaft. Schon mit acht Jahren hat er auf  dem Bauernhof seiner Großeltern damit begonnen, alles zu verkaufen, wofür er Geld bekam: Steine,  Heu und Stroh für die Hasenzüchter. Als er die Kiste der Großeltern verkaufte, in der sie das Holz für den Kamin gelagert hatten, zog Großmutter Theresia Stotz die Notbremse. Der Bub sollte etwas eigenes bekommen, das er verkaufen kann. Sie schenkte ihm ein Tütchen mit Samen für Zierkürbisse und räumte ihm im Bauerngarten etwas Platz dafür ein. Die Kürbisse gediehen, und Bruno Stotz konnte sie gut verkaufen. Damit war der Weg bereitet.

Schon im zweiten Jahr baute der damals Neunjährige außerhalb des Hofs auf einem 30 Meter langen Feldstreifen auch Speisekürbisse an. Bruno Stotz kann sich noch gut erinnern, dass einmal sein Opa Klaus mit ihm und dem Auto voller Kürbisse ins Allgäu gefahren ist. Auf einem Parkplatz an der Straße boten sie das Gemüse an.  „Das hat großen Spaß gemacht“, sagt Bruno.

Er blieb dabei. Der Kürbis-Anbau und die Geschäfte entwickelten sich. 2015 hat Bruno Stotz den Bachelor in Vertriebsmanagement gemacht und nie damit aufgehört, Kürbisse anzubauen. Er ist inzwischen bei über 100 Sorten angekommen. „Allein vom Hokkaido gibt es fünf verschiedene Sorten.“  Die Samen besorgt er sich über Händler. Selbst neue Züchtungen zu kreieren, ist ihm zu aufwendig. Ihm reicht die Arbeit mit dem Anbau. Alles, was er über Kürbisse und deren Anbau wissen muss, hat sich Bruno Stotz angelesen oder von anderen Kürbisbauern erfahren. Mit denen pflegt er einen guten Kontakt. „Wir sind uns keine Konkurrenz“, sagt er.

Am Anfang hat er die Kürbiskerne direkt in den Boden gesteckt. Das läuft heute professioneller. Er zieht die Setzlinge in der Scheune in Kisten vor bis die Pflanzen zwei, drei Blätter haben. Dann werden sie aufs Feld verpflanzt. „Das sind jedes Jahr 18 000 Setzlinge.“ Die produzieren 100 Tonnen Kürbisse. Der Großteil sind Speisekürbisse.

Die müssen unter die Leute gebracht werden. Das geschieht an vier Verkaufsständen in Wirrensegel und im Umkreis von 20 bis 30 Kilometern. Außerdem beliefert Stotz verschiedene Händler, Restaurants und Stammkunden. Die ganze Familie hilft mit, um die Haupteinnahme-Quelle des Hofs im Fluss zu halten. Für dieses Jahr ist die Ernte schon fast erledigt. Nur noch vereinzelt liegen die Früchte auf den Feldern. In einer Halle türmen sich die dicken, orangenen Kürbisse mit dem Namen „Racer“. „Das ist die Hauptsorte, die zu Halloween verkauft wird“, sagt Bruno Stotz.

Der Verkauf an den Ständen läuft gut, auch wenn nicht jeder bezahlt. „Ein bisschen Schwund gibt es immer, das muss man einkalkulieren.“ Aber 75 Prozent der Kürbisse werden bezahlt, sagt er. Auch Kevin Schwinkendorf ist ein regelmäßiger, zahlender Kunde. Er fährt täglich mehrmals an dem Stand vorbei. Diesmal hat er den Auftrag von seiner Freundin, Zierkürbisse mitzubringen. Er hat zwei kleine, bunte Exemplare in skurrilen Formen in der Hand. Kaum ist er weg, taucht schon die nächste Kundin auf. Sie hat es auch auf die Zierkürbisse abgesehen und füllt ihr Auto damit. Damit dekoriert sie ihr Haus.

Bitteres Gemüse aus Amerika


Bitteres Gemüse Der Kürbis stammt ursprünglich aus Südamerika und wurde nach den bisherigen Erkenntnissen bereits 10 000 v. Chr. angebaut.  Damals wurden vor allem die Kerne verwendet, weil das Fruchtfleisch noch zu viele Bitterstoffe hatte. Im Lauf der Züchtungen wurden diese herausgefiltert. Nur die Zierkürbisse haben die Bitterstoffe bis heute. Deshalb sollten sie nicht verzehrt werden. Die Bitterstoffe können Magenkrämpfe auslösen.

Übers Meer Es wird davon ausgegangen, dass Seefahrer den Kürbis nach Europa gebracht haben. Seit einigen Jahren gewinnt er wieder an Beliebtheit. Es gibt um die 800 Sorten und viele Möglichkeiten, ihn zu genießen. wal