Die Mutter nicht da, der Vater nicht da, im Heim St. Josef Ordensschwestern als Ersatz. Immer wieder Schläge, Drill und Strafen wie Einsperren in einen Schrank - und die Gedanken an einen Friedhof mit weißen Grabkreuzen neben dem alten Schloss in Hürbel (Kreis Biberach). "Da hatte ich irgendwann Angst, selber drauf zu landen", sagt E. heute. Der 49-Jährige kam als Baby in das katholische Säuglingsheim im Oberschwäbischen. Das Jugendamt hatte den Eltern das Baby weggenommen.

Später kam E. in ein Heim für Jugendliche, 16 Jahre war er insgesamt Heimkind. Bis heute trägt er diese Zeit als schwere Last. Vor einem Jahr gingen zwei Leidensgenossen, die auch in Hürbel im Heim waren, zusammen mit E. an die Öffentlichkeit. Mit ihren Kindheitserinnerungen. Erinnerungen an das rätselhafte Gräberfeld, das schon lange eingeebnet wurde. Wurden da verhungerte und misshandelte Kinder aus dem Heim anonym verscharrt? Erinnerungen an Tabletten, die die Schwestern den Kindern gegeben haben. Psychopillen, die Schäden anrichten? Erinnerungen an Schläge statt Zuwendung. Essensentzug, Misshandlung mit System?

Die Vorwürfe gegen die Franziskanerinnen von Bonlanden, Träger des Kinderheims, sind schwerwiegend. Für das Bistum und die Kommission sexueller Missbrauch der Diözese Rottenburg-Stuttgart waren sie "so alarmierend, dass eine sorgfältige Untersuchung selbstverständlich war", sagte Markus Grübel, Esslinger CDU-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der Kommission. Diözesanhistoriker Stephan Janker wurde mit Recherchen beauftragt.

Gestern wurden die Ergebnisse in Biberach vorgelegt. 4200 Kinder lebten in den 72 Jahren von 1908 bis 1980 in St. Josef, sie seien "lückenlos und mehrfach" erfasst, auch jeder der Todesfälle sei "mit Namen und Todesumständen dokumentiert", sagte Grübel. Eine hohe Kindersterblichkeit gab es in der Zeit zwischen 1908 und 1924. Masern, Keuchhusten, Spanische Grippe - 260 Säuglinge starben in dieser Zeit. Die Kindersterblichkeit war damals auch außerhalb des Heims hoch. Der Kinderfriedhof für das Heim wurde 1917 eingeweiht, 1955 war die letzte Bestattung. 1964 wurde das Gräberfeld geräumt. Für alle 101 beigesetzten Kinder seien Namen und Todesursache dokumentiert, ergaben die Untersuchungen.

Medikamentenmissbrauch lässt sich nach Angaben des Kommissionsvorsitzenden nicht belegen. Arztbriefe zeigten, dass Psychopharmaka nur von Fachärzten verordnet worden seien. Nach den heutigen Erkenntnissen seien die Dosierungen überholt, sie entsprachen damals aber medizinischem Standard, auch in der Kindermedizin. "Daraus den Vorwurf eines missbräuchlichen Verhaltens der Hürbeler Schwestern abzuleiten, wird weder den Fakten noch den Schwestern gerecht", sagt Grübel.

Für Missbrauch gebe es in Hürbel nach sorgfältiger Recherche keine Anhaltspunkte. Es sei schwer, persönliche Erinnerung und Erfahrungen zu bewerten, sagte Grübel zu dem Vorwurf unangemessen harter Erziehungsmethoden. Dass in der Heimerziehung bis Anfang der 1970er Jahren aber oft völlig inakzeptable Zustände geherrscht hätten, bestreite niemand. In Hürbel, so die Nachforschungen, konzentrierten sich die schlimmen Erinnerungen auf eine Schwester, die auch unter den Mitschwestern als "sehr streng" gegolten habe. Einige ehemalige Heimkinder ließen aber auf diese Schwester nichts kommen, wieder andere hätten die Schilderungen in den Medien über St. Josef als "maßlos übertrieben" bezeichnet, sagte Grübel. Das vorliegende Material rechtfertige es "in keiner Weise, dieses Heim als katholisches Konzentrationslager" zu bezeichnen, wie es geschehen sei.

Die drei ehemaligen Heimkinder, die auch zur Pressekonferenz kamen, halten ihre Vorwürfe nicht für entkräftet. Sie sprachen von Menschenrechtsverletzungen in dem Heim. Bis heute leiden sie darunter, dass sie ins Heim gesteckt, wie sie dort behandelt wurden. So sehr, dass nur zwei der drei die Entschädigungszahlung der Kirche angenommen haben. Ihnen bleiben ihre Kindheitserinnerungen, die belasten und bedrücken. Daran wird alles Aktenstudium nichts ändern.