Ende April ist es wieder soweit. Dann fliegen Frank Kasparek und seine Piloten wieder ins Unwetter. Ihr Ziel: Hagel zu bekämpfen. Denn der durch Hagel verursachte Schaden ist vor allem für die Landwirtschaft zum Teil beträchtlich. Ein großes Unwetter kann ganze Obsternten vernichten. 2011 verzeichnete der zweitgrößte deutsche Versicherer Generali Deutschland 35 000 Schäden durch Unwetter, darunter 21 000 Fahrzeugschäden durch Hagel.

Als Gegenmaßnahme gibt es in mehreren Regionen in Süddeutschland Hagelflieger. "Hagelabwehr kann landwirtschaftliche Betriebe ebenso wie Bürger und Unternehmen vor teilweise verheerenden materiellen Schäden bewahren", sagte Johannes Fuchs, der Landrat des Rems-Murr-Kreises, gestern auf einer Tagung zur Hagelabwehr in Fellbach. In Österreich werden pro Jahr rund 100 Einsatztage der Piloten gezählt. In der Schweiz schießen die Eidgenossen mit Raketen, um die Unwetterwolken von ihrer körnigen Fracht zu befreien.

In der Hagelsaison, die von Ende April bis Mitte Oktober dauert, gibt es jeden Tag eine spezielle Wettervorhersage, anhand der entschieden wird, ob die Piloten abheben, um die Gewitterwolken zu "impfen". So wird der Vorgang genannt, mit dem der Hagel bekämpft wird.

In einem Kleinflugzeug nähern sich die Hagelflieger dem Unwetter - und zünden an einem bestimmten Punkt aus mehreren am Flugzeug angebrachten Tanks eine Silberjodid-Lösung, die die Hagelkörner verkleinern und im Idealfall vernichten soll. "Das ist kein Anfängerjob, man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein", sagt Frank Kasparek vom Flugzeugunternehmen FK Aviation, das für die Region Stuttgart Hagelschauer bekämpft.

Hagelabwehr wird im deutschsprachigen Raum in der Ostschweiz und in der österreichischen Steiermark betrieben sowie weltweit in Südwestfrankreich, Nordspanien, Südosteuropa, Kanada, Argentinien, China, Russland und den USA. Dabei gibt es regionale Unterschiede: "In einigen Ländern wie etwa Russland wird nach wie vor mit der älteren Raketenmethode operiert", sagt Hermann Gysi, der mit seiner Firma Radar-Info Daten für die Hagelabwehr liefert. Dabei werden Raketen mit Silberjodid-Lösung vom Boden aus in die Gewitterwolken geschossen. Das Umweltrisiko gilt als gering. Die Belastung mit Silberjodid liegt laut Forscher um das 1000-fache unter dem zulässigen Grenzwert.

"Geo-Engineering", also die direkte Beeinflussung des Wetters, dürfe man nicht mit Hagelabwehr verwechseln, betont Klaus Beheng vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Während man bei der Hagelabwehr gezielt den Hagelschauer verhindern will, wird beim "Geo-Engineering" versucht, das gesamte Wetter zu verändern. Als Beispiele nennt Beheng den programmierten wolkenlosen Himmel für Paraden und Festspiele oder den häufigeren Regen in trockenen Regionen, um mehr Wasser zu gewinnen.

Wolkenforscher Beheng weist auch darauf hin, dass die Wirksamkeit der Hagelabwehr bis heute wissenschaftlich umstritten ist. "Es gibt Hinweise darauf, dass das Hagelrisiko bei einer Impfung abnimmt." Eine Langzeitstudie aus Österreich legt den Schluss nahe, dass die vom Hagel betroffene Fläche durch den Einsatz der Flugzeuge halbiert wird. Jedoch gebe es bis heute noch zu wenige Fallstudien und die Kenntnisse über Gewitterwolken seien immer noch begrenzt, sagt Beheng. "Einen Beweis wird es nicht geben."