Stuttgart A8-Planung: Neustart am Albaufstieg

Stuttgart / ANDREAS BÖHME 01.07.2014
Die letzten Nadelöhre auf der A 8 sollen bis 2025 geschlossen werden. Das Bundesverkehrsministerium hat die Planung für den Albaufstieg wieder freigegeben – die Finanzierung indes bleibt völlig offen.

Die Gemeinde Gruibingen (2100 Einwohner) kennt fast kein Mensch, aber die Gruibinger kennen die Welt: Wann immer die Autobahn 8 zwischen Stuttgart und Ulm gesperrt wird, weil der Lämmerbuckeltunnel mal wieder saniert wird, wälzt sich eine europäische Blechlawine mitten durch den Ort. Reisende auf der südlichsten durchgehenden Ost-West-Autobahn suchen Auswege aus dem Stau, in dem sie wie am vergangenen Wochenende Sperrschranken abmontieren und zentnerschwere Findlinge aus den Schleichwegen forträumen. Im Gegenzug wollen die Gruibinger sogar Ziegenherden über die Ausweichstrecke treiben, um den Durchgangsverkehr zu stoppen. Am besten aber wäre, was sich ein Anführer der Aktivisten wünscht: „Das Regierungspräsidium soll gefälligst mal den Albaufstieg fertig bauen, damit das Thema vom Tisch ist“, sagt Joachim Stumpf. Seit Dienstag kann er hoffen.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat Baden-Württemberg jetzt aufgefordert, den sechsspurigen Albaufstieg fertig zu planen. Sein Haus hatte im Jahre 2005 das Planfeststellungsverfahren kurz vor dem Abschluss gestoppt – weil die Finanzierung unklar war. Die Trasse sollte im so genannten F-Modell von einer privaten Betreiberfirma gebaut werden, die dafür von allen Autofahrern auf der Strecke Maut kassieren sollte. Zwei solcher „F-Modelle“ gibt es in Deutschland, in Travemünde und in Rostock – und beide gelten als gescheitert. Die Autofahrer nahmen lieber Umwege in Kauf, statt die Mautstrecken zu nutzen – für die Betreiber ein finanzielles Fiasko.

Das Regierungspräsidium werde dennoch auf die alte Planung mitsamt Mautstellen aufsetzen. Realisiert wird sie laut Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) aber nicht. Der Bund hatte sich durch die geplante private Finanzierung der teuren Kunstbauten eine Beschleunigung erwartet, doch das Gegenteil trat ein: Für die A 8 hat sich bis zum heutigen Tag kein privater Träger gefunden.

Rund zwei bis zweieinhalb Jahre dauern die Vorbereitungen, unter anderem wegen des Naturschutzes, auch wenn die neue Autobahn weitgehend durch Tunnels und über Brücken führt. Ab 2018 könnte gebaut werden, sagt Hermann – auch wenn die Finanzierung noch nicht geklärt ist. „Wir hoffen auf den Bund, dass er dann die Mittel zur Verfügung stellt“. Hermann schätzt die Kosten auf 500 Millionen Euro „plus x“. Schon vor Jahren hatte der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger mit 700 Millionen Euro gerechnet. Der Bund bezahlt, die Planung aber liegt beim Land.

In seinem künftigen Generalverkehrsplan setze der Bund mehr auf den Ausbau und die Sanierung der großen Korridore, was allerdings zu Lasten vieler kleiner Ortsumgehungen im Verlauf von Bundesstraßen führen könne, sagt Hermann.

Was mit den alten Strecken geschieht, die am Albaufstieg berg- und talwärts getrennt verlaufen, ist noch unklar. Beide braucht man nicht – eine aber könnte als Ausweichmöglichkeit bei Unfällen oder Bauarbeiten dienen. Entschieden wird am Ende wohl, welche den geringeren Sanierungsaufwand hat. Die Trassen stammen aus den 30er Jahren, haben keine Standspur und sind am Ende ihrer Lebensdauer. Und am Ende der Kapazität, sie werden derzeit von mehr als 70 000 Fahrzeugen pro Tag befahren. Ein zweites solches Nadelöhr existiert im weiteren Verlauf der A8 nur noch östlich von Pforzheim, wo sie aus beiden Richtungen steil hinunter ins Tal führt und das Flüsschen Enz überquert. Für diesen knapp fünf Kilometer langen Abschnitt läuft das Planfeststellungsverfahren, ein Neubau, der einen sanfteren Verlauf verspricht, könnte ebenfalls bis 2025 abgeschlossen werden.

Die Gruibinger müssen sich also noch gedulden, aber das Regierungspräsidium schickt wenigstens ein Deeskalations-Team. Hermann und Regierungspräsident Johannes Schmalzl haben am Dienstag eine Arbeitsgemeinschaft ins Leben gerufen, die die empörten Gruibinger davon abbringen soll, allzu viel Eigeninitiative bei der Verkehrsberuhigung zu zeigen. Hermann will verhindern, dass doch noch eine Ziege unter die Räder kommt.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel