"Wir müssen schon rechnen"

UTE GALLBRONNER 16.09.2013
Kinder liegen unseren Politikern sehr am Herzen - zumindest wird das von allen Seiten betont und auch die Plakate vermitteln diesen Eindruck. Zwei Familien erzählen, was davon bei ihnen ankommt.

Ilayda Koch sitzt auf dem Sofa und schenkt Tee ein. Die Unterlagen für die Bundestagswahl hat sie vor sich ausgebreitet und studiert die Listen. "Ich mache immer Briefwahl", sagt die 43-Jährige. Nicht weil sie am 22. September nicht zuhause wäre, sondern einfach, weil sie sich in Ruhe entscheiden will. "Ich finde das sehr schwer, weil ich die Menschen nicht kenne", sagt die Mutter von drei Kindern. "Es geht ja auch weniger um die Typen, sondern um die Parteien", wirft ihr Mann Wolfgang ein.

Der Wahlkampf ist an beiden bislang ziemlich vorbeigegangen. "Dafür habe ich gar keine Zeit", sagt Ilayda Koch: "Meine Kleine ist in den Kindergarten gekommen, Deniz in die Schule. Da hat man andere Sorgen." Auch die Plakate habe sie höchstens mit einem Auge wahrgenommen, sich lediglich über die "NPD-Propaganda" aufgeregt. "Das find ich ehrlich zum Kotzen", sagt die in der Türkei geborene Frau.

Die beiden wissen, was sie nicht wollen, und sie wissen auch, was ihnen wichtig ist: "Ich finde, dass für Familien mit Kindern immer noch zu wenig getan wird", sagt Wolfgang Koch. So viel Geld für den Krippenausbau auszugeben, das ist für den Metallarbeiter der falsche Weg. Stattdessen sollte man lieber den normalen Kindergarten kostenfrei anbieten. "Das Betreuungsgeld finde ich nur fair", betont Ilayda Koch, die zumindest solange zuhause bleiben will, bis die knapp vierjährige Selin aus der Grundschule raus ist: "Auch wenn wir schon rechnen müssen, um über die Runden zu kommen."

Für besonders wichtig halten beide Kochs das Thema Bildung. Wolfgang hat dazu eine ganz klare Meinung: "Wir brauchen ein einheitliches System in allen Bundesländern. Das versteht außerhalb von Deutschland kein Mensch, dass es in Baden-Württemberg andere Schulen gibt als in Bayern oder Hessen. Aber ich glaube, da traut sich keine Partei ran."

Wolfgang Koch blättert die Partei-Werbung durch, die seine Frau in den vergangenen Tagen gesammelt hat. "Das ist alles wunderbar bunt mit vielen großen Versprechungen. Aber am Ende lügen sie doch alle." Für den Familienvater ist klar, dass er nicht wählen wird. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau, die sich über die Einstellung ihres Mannes richtig aufregen kann: "Wenn jeder so denkt wie du, ändert sich nie etwas."

Für Brigitte Schill aus Stuttgart und ihre Tochter Melina (20) ist Nicht-Wählen ebenfalls keine Option. Die alleinerziehende Mutter, die auch noch einen 14-jährigen Sohn hat, wird das wählen, was sie schon immer wählt: die SPD. "Ich bin ein Arbeiterkind, bei uns hat man immer rot gewählt", sagt die 52-Jährige. Zwischendurch, als Gerhard Schröder Kanzler war, habe sie gezweifelt, doch inzwischen sei sie wieder überzeugt. "Wir brauchen einen Mindestlohn. Wir müssen weg von dieser Masse von 400- Euro-Jobbern. Das fliegt uns alles um die Ohren, wenn diese Generation in Rente geht", sagt Brigitte Schill.

Melina ist noch nicht ganz so sicher, wo sie das Kreuzchen machen wird. Auch wenn es blöd klinge, aber die grüne Idee mit dem vegetarischen Pflichttag ist in ihren Augen gar nicht so falsch: "Das ist nicht gut rübergekommen, aber ich finde, dass die Politiker sich mehr Gedanken über Lebensmittelsicherheit machen müssten." Brigitte Schill nickt zustimmen: "Als Mutter bist du doch immer hin- und hergerissen: Du willst gutes und gesundes Essen kaufen, weißt aber am Ende nicht, ob auch das drin ist, was draufsteht." Bessere und mehr Kontrollen hält sie für dringend notwendig.

Den Wahlkampf verfolgen die beiden Frauen "eher am Rande" - die Mutter über Zeitung und Fernseher, die Tochter vor allem im Internet. Bei Gesprächen mit Freunden sei Politik selten ein Thema. Nur über die Gesundheitspolitik rege man sich immer mal wieder sehr auf, sagt Brigitte Schill: "Wir sind auf dem besten Weg zu einer Zwei-Klassen-Medizin. Das kann absolut nicht sein." Bezahlbare Medikamente und eine gesicherte Versorgung seien ein Grundrecht für alle, "nicht nur für die Reichen". Wartezeiten für Kassenpatienten von mehreren Monaten für einen Termin beim Augenarzt, das geht ihr gegen den Strich: "Aber dazu fällt keinem was ein."

Zudem sei es dringend nötig - analog zur Elternzeit - eine Pflegezeit einzuführen. "Meistens bleibt das ja wieder an uns Frauen hängen. Erst erziehen wir die Kinder, dann pflegen wir unsere Eltern und am Ende stehen wir mit einer Mini-Rente da", sagt Brigitte Schill. Beide Phasen müssten besser mit dem Beruf vereinbar sein, doch dafür sei die Politik nur bedingt zuständig: "Ich denke, da muss man die Wirtschaft mehr in die Pflicht nehmen."

Was die Steuer angeht, sind sich Melina und ihre Mutter einig. "Ehegattensplitting ist überholt", sagt die 20-Jährige. Das Kindergeld erhöhen und zwar deutlich, dafür die Freibeträge abschaffen, sagt Brigitte Schill: "Denn die helfen nur den Reichen."

Kinder und Karriere ganz oben
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