Karlsruhe "Weckruf für die Partei"

Karlsruhe / HANS GEORG FRANK 04.12.2012
Den Triumph von Frank Mentrup bei der Karlsruher Oberbürgermeisterwahl wertet die SPD als Sieg der Partei. Aber es entschied auch die Persönlichkeit - der CDU-Kandidat hatte zu viele Schwächen.

Frank Mentrup (48) war fassungslos. Nur langsam konnte der SPD-Staatssekretär im Kultusministerium am Sonntagabend glauben, dass er die Wahl zum Oberbürgermeister in Karlsruhe gewonnen hatte. "Es ist Wahnsinn", sagte er, "es fällt mir schon schwer, dieses Ergebnis zu begreifen." Mit 55,26 Prozent hatte er den CDU-Kontrahenten Ingo Wellenreuther (52) niederschmetternd deklassiert, kam jener doch nur auf 35,41 Prozent.

Ebenso sensationell wie das Ergebnis war, dass es keines zweiten Wahlgangs bedarf. Kaum jemand hatte in Baden-Württembergs drittgrößter Stadt (290 000 Einwohner) mit einem derartigen Durchmarsch gerechnet. Die meisten hatten sich eingestellt auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Showdown am 16. Dezember, es wäre Wellenreuthers 53. Geburtstag gewesen. Auch Mentrups 20-Punkte-Vorsprung hatte niemand auf dem Schirm. In einer Umfrage trennten die OB-Aspiranten 3,8 Prozentpunkte. Bei der Auszählung waren es 18 220 Stimmen.

Im Wahlkampf tauchten viele Gemeinsamkeiten auf, aber nur zwei nennenswerte Unterschiede. Mentrup lehnt eine zweite Rheinbrücke ab, das marode Wildparkstadion des KSC möchte er sanieren, statt es durch einen Neubau zu ersetzen. Wellenreuther dagegen pochte auf eine rasche Flussüberquerung und den teuren Spielplatz für die Fußballer. Mit dem Plädoyer für ein Stadion wagte sich der frühere Richter auf vermintes Terrain: Wellenreuther ist Präsident des KSC. Zu seiner Niederlage trugen, neben einem vielfach als "schwarzer Filz" empfunden Beziehungsgeflecht, die sportlichen Verstrickungen bei.

Aus dem KSC-Umfeld stammten offenbar viele Unterstützer, die Wellenreuthers Kandidatur erst ermöglicht hatten. Zwar hatte sehr früh die Karlsruher Finanzbürgermeisterin Margret Mergen (51) ihre Ambition auf den OB-Sessel verkündet, doch bei der Nominierung musste die Westfälin dem smarten Kreisvorsitzenden den Vortritt lassen, als habe dieser ein selbstverständliches Zugriffsrecht in seiner Heimatstadt. Jetzt versteht die Kommunalpolitikerin, die schon im Heilbronner Rathaus das Geld zusammenhielt, die blamable Schlappe als "Weckruf für die CDU". Ihre Partei müsse sich öffnen und den Dialog mit Andersdenkenden suchen, damit sie in Städten attraktiver werde. Der Wahlforscher Hans-Georg Wehling (74) nannte die CDU gegenüber der Nachrichtenagentur dpa eine "Partei der alten Männer und karrieresüchtigen Leute von der Jungen Union".

Während Wellenreuther auf seinen Plakaten - mit auffallender Betonung seines Vornamens - "Leidenschaft für Karlsruhe" versprach, hob Mentrup jene Stärken hervor, die ihn schon als Assistenzarzt an der Karlsruher Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie auszeichneten: "Zuhören, verbinden, gestalten." Er lebt seit vier Jahren in Karlsruhe, stammt aber aus Mannheim, wo Wellenreuther bei der OB-Wahl 2007 gescheitert ist. Mentrup war in seiner Geburtsstadt von der Partei ausgebremst worden, er musste Peter Kurz das Feld überlassen.

Auch wenn Nils Schmid als Vormann der Sozialdemokraten einen "historischen Erfolg für die SPD" bejubelt - in erster Linie gab die Persönlichkeit des auch von Grünen, Piraten und Karlsruher Liste unterstützten Triumphators den Ausschlag. "Wellenreuther ist einfach nicht der Typ für diesen Job", sagte ein führender CDU-ler schon im September. Nur in einem einzigen Stadtteil (Oberreut) hatte Wellenreuther die Nase mit 49,8 Prozent vorn, in der Innenstadt kam er kaum über 30 Prozent hinaus. Mentrup sammelte Anteile bis zu 64,5 Prozent ein.

Wenn Mentrup am 1. März 2013 sein Amt antritt, beendet er eine 42-jährige CDU-Vorherrschaft. Er wird OB einer Stadt, die dank Bundesverfassungsgericht und Bundesgerichtshof als "Residenz des Rechts" nationale bekannt ist. Mentrup, vierfacher Vater, muss eine Stadt einen, in der nicht nur politische Gräben aufgerissen wurden. Karlsruhe wird derzeit umgegraben, damit für 650 Millionen Euro die Straßenbahn unter die Erde verlegt werden kann. Die Dauerbaustelle ist ein Dauerärgernis. Beide Kandidaten waren einig, dass die Arbeiten besser koordiniert werden müssen. Künftig können sie für das Wohl der Bürger zusammenarbeiten - Wellenreuther sitzt seit 1999 als Stimmenkönig im Gemeinderat.