Dass ein Politiker per Pressemitteilung auf einen "Tatort" reagiert, dürfte Seltenheitswert besitzen. Aber nach der Sendung vom Sonntag hatte der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) offenbar Sorge um das Image seiner Stadt. Der Film hinterlasse "bei vielen Zuschauern den Eindruck, dass finanzstarke und korrupte Investoren in Stuttgart den Immobilienmarkt bestimmen", bedauert Kuhn, um das Fernsehbild sofort zu korrigieren: "Das stimmt so nicht."

Entgegen der Darstellung im Stuttgart-"Tatort" gebe es noch keinen Bebauungsplan für die Gleisflächen, die durch das Bahnprojekt Stuttgart 21 frei werden. Was dort gebaut werde, würden Bürger und Gemeinderat bestimmen. "Das wird keine Wiese für Heuschrecken", versichert Kuhn.

Der "Tatort" mit dem Titel "Der Inder" erzählt vor der Kulisse des Bahnprojektes die Geschichte einer ebenso tödlichen wie korrupten Verbindung zwischen Politik und Wirtschaft in einer betonlastigen Stadt mit radikalen S-21-Gegnern - eine fiktive Geschichte mit vielfältigen Anleihen in der Realität. Diese Mischung ist es wohl, die Kuhn zu einer Warnung veranlasst hat: "Man darf die Fiktion des Krimis nicht mit der Wirklichkeit verwechseln."

Süffisant kommentiert der SPD-Fraktionschef im Stuttgarter Rathaus, Martin Körner, Kuhns Belehrung: "Jeder blamiert sich halt so gut er kann." Gnädiger reagiert FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke: "An Stelle von Herrn Kuhn hätte ich mir diesen Schuh nicht angezogen."

Knapp 9,5 Millionen Zuschauer haben den Stuttgarter "Tatort" verfolgt. Damit hat der SWR den TV-Tagessieg erzielt - und eine Debatte darüber entfacht, welchen Einfluss ein solcher zwischen Realität und Fiktion wandelnder Krimi auf das Bild hat, das sich die Zuschauer vom realen Stuttgart, Stuttgart 21 und der Politik machen.

"So stellt sich Lieschen Müller im SWR Landespolitik vor", beklagt ein FDP-Stratege auf "Twitter" die wahlweise korrupten oder karrieregeilen Politfiguren im Krimi-Plot. "Ich hätte mir schönere Bilder von Stuttgart vorstellen können; aber das ist künstlerische Freiheit", sagt der ortsansässige CDU-Abgeordnete Reinhard Löffler. Tatsächlich wird die Stadt im Film als "Drecksloch" bezeichnet. Andererseits wird die Landeshauptstadt im "Tatort" nicht mehr als spießiges Kehrwochen-und-Trollinger-Nest dargestellt wie zu Zeiten des Kommissars Bienzle.

Was ihn mehr geärgert habe, seien "einseitige, teils falsche Argumente gegen Stuttgart 21 gewesen", sagt Bahnprojekt-Befürworter Löffler. Aus Sicht eines Sprechers der Gegner-Gruppierung "Parkschützer" hat der "Tatort" dagegen das Interessengeflecht zwischen Wirtschaft und Politik gut dargestellt. Dagegen seien die Bahnhofskritiker unzutreffend als "Autoanzünder und Farbbeutelwerfer" charakterisiert worden.