Stetten "Schutzhäftling" Schumacher

Kurt Schumacher: Der Hass der Nazis traf den SPD-Politiker. Foto: dpa
Kurt Schumacher: Der Hass der Nazis traf den SPD-Politiker. Foto: dpa
Stetten / RAIMUND WEIBLE 19.03.2013
Vor 80 Jahren richtete das Nazi-Regime auf dem Großen Heuberg das erste Konzentrationslager in Württemberg ein. Gefangen gehalten wurden 3400 Hitler-Gegner, darunter der spätere SPD-Chef Schumacher.

Für Kurt Schumacher stand fest: Gegen die NSDAP wollte er kämpfen, auch im Untergrund. Schon im Parlament hatte der SPD-Reichstagsabgeordnete die Hitler-Partei scharf angegriffen und sich den Hass der Nazis zugezogen. Ab Juni 1933 wurde der Widerstandskämpfer steckbrieflich gesucht und am 6. Juli 1933 in Berlin festgenommen. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) brachte den Sozialdemokraten in das Lager Heuberg. Für Schumacher war das der Beginn einer langen Leidenszeit. Zuletzt war er im Konzentrationslager Neuengamme inhaftiert. Erst am 20. September 1944 kam er frei. Nach dem Krieg wurde er SPD-Bundesvorsitzender.

Kurt Schumacher (1895 bis 1952) war einer von Tausenden Insassen des Lagers Heuberg. Verwendet wurden Gebäude eines Großkinderheims im Truppenübungsplatz Stetten am kalten Markt auf der Schwäbischen Alb. Dieses Lager war das erste KZ in Südwestdeutschland. Eingerichtet wurde es vom württembergischen Innenministerium. Das Lager wurde vor 80 Jahren, am 20. März 1933, eröffnet und schon im April der Politischen Polizei unterstellt.

Gleich nach der Machtübernahme durch Hitler hatte die Politische Polizei sozialdemokratische und kommunistische Funktionäre verhaftet. Die Gefängnisse waren überfüllt. Deswegen machte sich das Innenministerium auf die Suche nach neuen Räumen und wurde auf dem Heuberg fündig. Die Insassen wurden beschönigend "Schutzhäftlinge" genannt. Ziel war es, die politischen Häftlinge zu zwingen, sich der neuen politischen Bewegung anzuschließen oder zumindest den Widerstand gegen das Nazi-Regime aufzugeben. Auch Schumacher wurde eine Verzichtserklärung vorgelegt, er weigerte sich aber, sie zu unterschreiben. Bis zu 3500 Männer hielt die Politische Polizei im Lager Heuberg fest. Darunter auch Oskar Kalbfell, den späteren Oberbürgermeister von Reutlingen. "Die Behandlung war schikanös, in hohem Maße demütigend und zielte darauf ab, das Rückgrat zu brechen", schreibt der Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling in seinem Buch über Kalbfell. Der Sozialdemokrat kam im April 1933 auf den Heuberg und wurde neun Wochen später wieder entlassen - unter Drohungen und dem Gebot, über die Vorkommnisse im Lager zu schweigen.

War das Ziel der Gefangennahme die "Läuterung", nicht die Vernichtung der Häftlinge, so spielten sich doch schlimme Szenen im Lager ab. Die SA-Männer und Polizisten quälten die Häftlinge körperlich und seelisch. Der Ulmer Markus Kienle berichtet in seinem 1998 erschienenen Buch über das KZ Heuberg vom Mord an Simon Leibowitsch, einem Kommunisten jüdischer Herkunft. Es soll noch weitere Todesfälle im Lager gegeben haben.

Die Wehrmacht beanspruchte das Lager bald für sich, schon im Dezember 1933 wurde das Lager auf den Ulmer Kuhberg verlegt. Seit 1983 erinnert ein Mahnmal der SPD Baden-Württemberg bei der Drei-Tritten-Kapelle an das erste Konzentrationslager im Südwesten.

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