Schule „Schreiben nach Gehör“: Das steckt hinter dem Streit

Wer nach „Anlauttabelle“ schreibt, landet bei „Libe“ statt „Liebe“.
Wer nach „Anlauttabelle“ schreibt, landet bei „Libe“ statt „Liebe“. © Foto: JOKER/PetraxSteuer
Stuttgart / Roland Müller 20.02.2018
Das Kultusministerium hat „Schreiben nach Gehör“ verboten, Eltern sind verunsichert, Lehrer sauer. Was steckt hinter dem Streit?

Dass Eltern mitunter die Stirn runzeln, kann man verstehen: Etwa, wenn das Kind von der Schule kommt, stolz seinen Aufschrieb vorzeigt – und dann steht da „Fata“ statt Vater oder „Farrat“ statt Fahrrad. „Durch die Debatte sind manche Eltern verunsichert“, sagt Claudia Vorst, Professorin an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd und Vorsitzende des Grundschulverbands. Die Schulen müssten aufklären. „Sonst wissen Eltern nicht, wie sie mit solchen Fehlschreibungen umgehen sollen.“

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Manche scheinen ihre Art des Umgangs schon gefunden zu haben – und schwärzen die Schule bei Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) an. Schließlich ist „Schreiben nach Gehör“ im Südwesten offiziell verboten. „Die Ministerin wird öfter auf Veranstaltungen von Eltern angesprochen, dass die Methode noch im Einsatz sei“, sagt eine Sprecherin. Bei konkreten Hinweisen werde das Schulamt „das Gespräch mit den Schulen suchen“. Und man stelle klar, dass der Erlass Eisenmanns vom Dezember 2016 keine nette Empfehlung sei, sondern „verbindlich“.

Ein ministerielles Verbot, petzende Eltern, große Schlagzeilen: Die Debatte um „Schreiben nach Gehör“ ist emotional aufgeladen, die Faktenlage aber relativ dünn: Wie viele Schulen gegen das Verbot verstoßen, kann niemand sagen. Auch das Ministerium hat lediglich einzelne „Hinweise“, die noch „geprüft“ würden. Was steckt hinter der Aufregung?

Die Methode Was heute oft „Schreiben nach Gehör“ genannt wird, hieß ursprünglich „Lesen durch Schreiben“ und wurde vom charismatischen Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen in den 70er Jahren entwickelt („Reichen-Methode“). Bei dem Ansatz werden Kinder ermutigt, noch bevor sie Lesen können, Worte, die sie sprechen, mit einer „Anlauttabelle“ in Laute zu zerlegen und aufzuschreiben  – das soll Motivation und Kreativität fördern. Dabei unvermeidliche „falsche“ Schreibweisen sollten laut Reichen zunächst nicht korrigiert werden; das wachse sich, so die Idee, mit der Zeit aus. In den 80er und 90er Jahren trat „Lesen durch Schreiben“ in Deutschland einen wahren Siegeszug an, eine Anlauttabelle findet sich heute in allen Rechtschreib-Fibeln.

Die Praxis In „Reinform“ kommt die Reichen-Methode heute kaum noch zum Einsatz, auch weil einige Annahmen wissenschaftlich widerlegt wurden. Gerade für Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, gilt „Schreiben nach Gehör“ als ungeeignet. Jedoch hat sich in der Praxis die Anlauttabelle im Anfangsunterricht der Grundschulen bewährt. Das heißt, ganz zu Beginn des ersten Schuljahrs üben fast alle  Kinder mit Anlauttabellen. Die Frage ist nur, wie lange – und ab welchem Zeitpunkt Fehler korrigiert werden. „Erfahrene Lehrer passen ihren Methoden-Mix auf die Klasse und jedes Kind an“, sagt Claudia Vorst vom Grundschulverband. So würden Kinder parallel zum Schreiben nach Anlauttabelle auch Rechtschreibung üben. „Am Anfang gehören Fehler aber auch zum Lernen dazu“, sagt Vorst.

Das Verbot Zum Verständnis ist entscheidend, dass Eisenmann die Methode nicht komplett verboten hat. „Anlauttabellen sind natürlich weiter erlaubt“, sagt ihre Sprecherin. Der Einstieg in der ersten Klasse darf also weiter mit „Schreiben nach Gehör“ gemacht werden. Allerdings sollen Fehler konsequent und früh korrigiert werden. Im Erlass heißt es: „Methoden, bei denen Kinder monate- beziehungsweise jahrelang nicht auf die richtige Rechtschreibung achten müssen, sind nicht mehr zu praktizieren.“ Den Unterschied übersieht mancher in der hitzigen Stimmung.

Die Politik Die Debatte wird dadurch kompliziert, dass Baden-Württemberg in der jüngsten Vergleichsstudie „IQB-Bildungstrend“ bei der Rechtschreibung drastisch abgerutscht ist. Grundschullehrer fühlen sich zu Unrecht von der Ministerin als „Schuldige“ an den Pranger gestellt. Hinzu kommt das konservative Narrativ der CDU-Landtagsfraktion, im Bildungswesen müssten wieder „Disziplin“ und „Leistung“ einziehen. „Es ist ein falsches Verständnis von Leistung, wenn man annimmt, dass sich Kinder bei modernen Methoden nicht anstrengen müssten“, sagt Vorst. Von einer „Scheindiskussion“ spricht sogar der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Carsten Rees. Mit der Wirklichkeit in den Klassenzimmern habe der Streit um „Schreiben nach Gehör“ nichts zu tun.  „Das Thema wird politisch ausgeschlachtet, um Stimmung zu machen und Eltern zu verunsichern.“ Die Probleme im Bildungswesen seien aber ganz andere – etwa der akute Lehrermangel.

Hamburg preschte 2014 voran

Der Südwesten ist nicht allein bei der Debatte um „Schreiben nach Gehör“. Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) hat die Methode schon 2014 verboten, in NRW und Schleswig-Holstein gibt es ähnliche Pläne. Jedoch ist stets die „Reinform“ der Methode gemeint. In den Vorgaben der Kultusministerkonferenz und im Bildungsplan des Landes wird „lautorientiertes Schreiben“ als „Entwicklungsschritt auf dem Weg zum normgerechten Schreiben“ bezeichnet.

Zum kommenden Schuljahr will das Kultusministerium einen „Rechtschreib-Rahmen“ vorlegen, der Lehrern für die Klassenstufen 1 bis 10 Vorgaben für die Orthografie macht. Der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ und das „Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache“ entwickeln den Rahmen. Der Grundschulverband begrüßt die Pläne. rom

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