Asperg "Remstalrebell gegen Beamtenstaat"

Der Sohn vor dem Bild des Vaters: Tübingens OB Boris Palmer im Museum Hohenasperg bei der Eröffnung einer Ausstellung über seinen Vater Helmut.
Der Sohn vor dem Bild des Vaters: Tübingens OB Boris Palmer im Museum Hohenasperg bei der Eröffnung einer Ausstellung über seinen Vater Helmut. © Foto: dpa
Asperg / HANS GEORG FRANK 24.03.2016
Zufrieden wäre Helmut Palmer wohl nicht mit der Präsentation im Museum auf dem Hohenasperg. Aber sein Kampf gegen die Obrigkeit als Remstalrebell ist immerhin in passender Umgebung gewürdigt.

Der Sohn findet die Darstellung Helmut Palmers als "Remstalrebell gegen Beamtenstaat" ziemlich treffend. Doch Boris Palmer, Grüner Oberbürgermeister von Tübingen, weiß auch, dass sein Vater an allem etwas auszusetzen hatte. Deshalb hätte er sich wenigstens das Adjektiv "verbrecherisch" vor dem Staat gewünscht. Überhaupt wäre ihm, die Würdigung zu wenig und zu schwach - "wie immer".

Das Haus der Geschichte hat in seinem Museum auf dem Hohenasperg eine Vitrine dem aufsässigen Pomologen und Händler gewidmet, der sich jahrzehntelang mit der Obrigkeit angelegt hat - ohne Rücksicht auf Verluste. Helmut Palmer (1930 bis 2004) ließ sich von seinem Kampf gegen Untertanengeist nicht abbringen, selbst wenn er der Familie nur Schulden hinterließ. "Ich weiche niemand", lautete sein Motto, mit dem er in lateinischer Version ("nulli cedo") Bücher signierte.

Palmer scheute keinen Konflikt, auch wenn ihm der Aufenthalt in einer engen Zelle drohte. 423 Tage verbrachte er in diversen Gefängnissen des Landes, fünf Monate und einen Tag davon auf dem Hohenasperg. Drei Strafen musste er auf dem "Demokratenbuckel" verbüßen. Die letzte Haft trat er 2000 kurz nach einer Operation an, ein Kreuz geschultert wie einst Jesus. Sohn Boris organisierte prominente Unterstützung für eine Begnadigung. Doch der Vater wollte Gerechtigkeit, nicht Gnade. Deshalb musste er in einem Rollstuhl in die unerwünschte Freiheit geschoben werden.

"Ein deutsches Gefängnis" ist das Knast-Museum überschrieben. In 23 Biografien sind ausgesuchte Gefangene porträtiert, die für ihre Vorstellung der Freiheit gekämpft haben. Dazu gehört der Dichter, Musiker und Journalist Christian Friedrich Daniel Schubart (1739 bis 1791). "Wenn er sehen könnte, dass er jetzt mit Schubart ausgestellt wird, wäre er sehr erfreut", meint Ehefrau Erika (75), "Helmut Palmer hat ihn sehr verehrt."

Eine spezielle Gefängniskluft soll den Mann aus Geradstetten symbolisieren. Die Jacke stammt wohl aus einem Geschäft für Berufskleidung, Palmer nähte einen selbst entworfenen gelben Stern darauf, beschrieb sich damit als "1/2 Jude, vergessen zu vergasen".

Der Sohn eines Juden war nicht nur in der Nazi-Ära heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Palmer echauffierte sich auch über die Justiz, die seiner Ansicht nach von Nazis geprägt war. Weil er kein Blatt vor den Mund nahm, lieber "aufrecht wie ein Baum blieb", so Sohn Boris, geriet der "Rebell" in einen Teufelskreis aus Beschimpfungen und Verfolgungen. Selbst wenn er nur als Zeuge aussagte, handelte er sich einen Prozess wegen Beleidigung ein. "Sie haben kein Konzept gefunden, ihn richtig zu behandeln", sagt die Witwe, die ihren Mann als "freiheitsliebend, mit Mut und Zivilcourage" charakterisiert. "Es ging ihm nur um das Wohl des Landes, nicht um sich oder seine Familie."

Palmer stieß bei Richtern auf Härte, weil er nicht einsehen wollte, dass Missstände wie lebensgefährliche Leitplanken nur von Behörden beseitigt werden, nicht aber von einer Privatperson. Viele Bürger dagegen bewunderten ihn, hatten mindestens großen Respekt vor seinen unerschrockenen Aktionen. Bei 289 Bürgermeisterwahlen trat er an, holte 1974 in Schwäbisch Hall sensationelle 41 Prozent. Auch bei 15 Parlamentswahlen kandidierte er, erreichte als Solist bis zu 20 Prozent. "Er hat das Unbehagen vieler Menschen mit der Obrigkeit widergespiegelt", erklärt Thomas Schnabel, Chef des Hauses der Geschichte.

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