"Öfter Grenzgänger sein"

Er verlässt die Akademie Bad Boll in Richtung Stuttgart: Joachim L. Beck.
Er verlässt die Akademie Bad Boll in Richtung Stuttgart: Joachim L. Beck.
MARCUS MOCKLER, EPD 10.09.2012
Zum Monatsende verlässt Direktor Joachim L. Beck die Evangelische Akademie Bad Boll. Deren Rückzug aus interkulturellen Debatten bedauert er.

Herr Beck, in Ihrer Zeit als Direktor wurden viele Stellen gestrichen, weitere Kürzungen sind geplant. Gehen Sie als ein Verwalter des Mangels in die Akademiegeschichte ein?

JOACHIM L. BECK: Ich habe nicht den Mangel verwaltet, sondern Veränderungen gestaltet. Die württembergische Landeskirche hat sehr stark in den gesellschaftsorientierten Bereichen gekürzt und sich auf die Ortsgemeinde konzentriert. Meine Aufgabe war es, die gesellschaftspolitische Arbeit weiter am Leben zu erhalten. Andererseits wurden auch 6,5 Millionen Euro in den neuen Südflügel mit 60 Einzelzimmern und drei Tagungsräumen investiert. Inhaltlich sieht die Akademie heute natürlich ganz anders aus als vor acht Jahren.

Wo ist der große Unterschied?

BECK: Wir haben fast keine Angebote mehr im Aus-, Fort- und Weiterbildungsbereich. Persönlichkeitsbildende Tagungen sind nahezu vollständig weggefallen.

Von der großzügig finanzierten Denkfabrik zum wirtschaftlich organisierten Bildungsbetrieb - wird dieses Rad noch weiter gedreht?

BECK: Von unserem Budget sind rund 45 Prozent Kirchensteuermittel, 55 Prozent erwirtschaften wir selbst. Die Kirche muss aber verstehen, dass eine Akademie sich nie komplett refinanzieren kann.

Hat die öffentliche Wirksamkeit der Akademie gelitten?

BECK: Wir waren vor acht Jahren in deutlich mehr gesellschaftlichen Feldern präsent. Die Akademie hat aber nicht an Wirksamkeit verloren. Besonders bedauerlich finde ich es, dass wir bei den interkulturellen Debatten, auch bei theologischen Fragestellungen, kaum mehr etwas bieten können.

Zu den umstrittensten Entscheidungen Ihrer Amtszeit gehört die Einladung des palästinensischen Gesundheitsministers Basem Naim, der als Unterstützer der terroristischen Hamas gilt. Er bekam schließlich kein Einreisevisum. Sind Sie da als Grenzgänger übers Ziel hinausgeschossen?

BECK: Wir sollten noch viel öfter Grenzgänger sein. Veränderungen in der Gesellschaft geschehen dort, wo Menschen zu Grenzgängern werden - und das beschreibt auch die Akademiearbeit sehr gut. Wir bewegen uns an der Grenze, reden mit allen - also auch im Nahostkonflikt. Die Kritik an der Einladung haben wir damals aufgenommen und unser Tagungsprogramm ergänzt. Aber ich würde Basem Naim heute sofort wieder einladen.

Warum können oder dürfen Sie nicht Akademiedirektor bleiben? BECK: Meine Stelle war immer befristet. Allerdings sind wir mitten in einem Umstrukturierungsprozess, der 2016 zu Ende gehen soll. Ich halte es für unklug, mittendrin die Pferde zu wechseln. Mein Alter mag eine Rolle gespielt haben - zum Ende des Prozesses wäre ich 60, und da sieht es mit einer neuen Stelle auch in der Kirche nicht gut aus.

Was ist Ihre neue Aufgabe?

BECK: Ich leite künftig in Stuttgart-Birkach die Fortbildung für Gemeinde und Diakonie.