Ulm "Nicht stören beim Weinen"

Vor ihrem Seminar beteten die deutschen, türkischen und bosnischen Notfallseelsorger und Notfallbegleiter gemeinsam in der Ditib-Moschee. Foto: Lars Schwerdtfeger
Vor ihrem Seminar beteten die deutschen, türkischen und bosnischen Notfallseelsorger und Notfallbegleiter gemeinsam in der Ditib-Moschee. Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / CAROLIN STÜWE 01.03.2014
Notfallseelsorger in Ulm und im Alb-Donau-Kreis werden künftig bei Bedarf von muslimischen Kollegen begleitet. Werden Angehörige nach einem Todesfall betreut, müssen gewisse Regeln beachtet werden.

Betreuen Notfallseelsorger Angehörige eines gerade Verstorbenen, sollten die in Deutschland üblichen Höflichkeits- und Anstandsregeln selbstverständlich sein. Kümmern sie sich um Angehörige nicht christlicher Glaubensrichtungen, müssen sie zusätzlich deren kulturelle Umgangsformen beachten. So ist es von Vorteil, dass eine islamische Frau dabei ist, wenn beispielsweise eine Türkin gerade von der Polizei erfahren hat, dass ihr Kind verunglückt ist. "Ich darf dann diese Frau umarmen, ein Mann darf das nicht", sagte Züleyha Schumacher. Sie ist selbst Mutter von vier Kindern, ist türkischer Herkunft und lässt sich derzeit bei der Notfallseelsorge Ulm/Alb-Donau-Kreis zur Notfallbegleiterin ausbilden.

Begleiterin deshalb, weil der Begriff des "Seelsorgers" von jeher eng mit dem christlichen Glauben verbunden ist, sagt Geschäftsführer Michael Lobenhofer. Kürzlich fand das zweite von insgesamt vier Ausbildungs-Seminaren statt.

Zwei neue deutsche Notfallseelsorger und zehn angehende Notfallbegleiter türkischer und bosnischer Herkunft wurden von Helmut Schön geschult. Schön koordiniert die Einsätze der bisher 30 Notfallseelsorger im Alb-Donau-Kreis, die nach Unfällen, Bränden und Suizid die Polizei begleiten. Denn nur diese darf die Todesnachricht überbringen. "Wenn es gewünscht wird, betreuen wir die Angehörigen bis zur Beerdigung", sagte Schön.

Der 66-Jährige hat vor 40 Jahren damit begonnen, Eltern zur Seite zu stehen, die ihr Kind verloren haben. Außerdem war und ist er bei vielen schrecklichen Unfällen in der Ulmer Region im Einsatz. Anhand von bisweilen recht drastischen Situationsberichten verdeutlichte er seinen Zuhörern, was auf sie zukommen wird, sollten sie sich nach Ende des Seminares im Mai tatsächlich für eine ehrenamtliche Mitarbeit entscheiden.

Vor allem gelte es, dass Notfallseelsorger und -betreuer, egal welchen Glaubens, klare Regeln einhalten. Hat die Funkleitzentrale der Polizei etwa die Notfallseelsorge alarmiert, muss sich der Diensthabende nach drei Minuten zurückmelden. Muss die Polizei beispielsweise einer türkischen Familie die Todesnachricht überbringen, wird Unterstützungsalarm ausgelöst und - ab Mai - auch ein muslimischer Notfallbetreuer angepiepst.

Wer dazu in der Lage ist, kann sich das Unfallopfer ansehen, bevor die Angehörigen aufgesucht werden. "Denn diese wollen ganz viel wissen", sagt Schön. Sie wollen wissen, wie das Unfallopfer aussieht, ob es gelitten hat, ob sie es sehen dürfen.

Die Polizei überbringt die Nachricht grundsätzlich hinter der geschlossenen Haustür. Die Betreuer beobachten zunächst nur die Situation, schreiten aber sofort ein, wenn der Benachrichtigte etwa zusammenbricht oder zu toben beginnt. Schön: "Wir müssen mit allem rechnen." Bei einer jüdischen oder muslimischen Familie komme hinzu, dass ein Suizid auch sehr viel Scham erzeugt.

Körperkontakt sei bei alledem "nur mit aller Vorsicht" aufzunehmen. Schön sagte, dass man streng gläubigen Muslimen bisweilen nicht mal die Hand geben dürfe. Die Betreuung zu zweit oder zu dritt entspreche wiederum der Urform des Islam. "Da kommt man im Trauerfall zusammen, da wird niemand alleine gelassen." Außerdem sollte man dem Angehörigen, egal welcher Glaubensrichtung, grundsätzlich Raum zur Klage geben: "Nicht stören beim Weinen."

Eine der Hauptfragen beim Seminar war: Wie schafft man es, nicht mitzuleiden? Darauf konnten erfahrene Notfallseelsorger antworten. "Ich lasse selbst im überheizten Wohnzimmer meine Dienstjacke an, denn sie schützt mich", erzählte eine Notfallseelsorgerin. Zieht sie die Jacke nach dem Einsatz aus, streife sie alles mit ab.

Schön und Lobenhofer wollen noch andere Gläubige erreichen, etwa die Aleviten oder Mitbürger jüdischen Glaubens. Man sei mit dem Rat der Religionen in Kontakt. Lobenhofer hat noch ein weiteres Anliegen: "Jeder von uns in der Gesellschaft sollte ein Stück Seelsorger sein."

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