Interview „Mütter die wegschauen, sind Täter und Opfer zugleich“

Stephan Bork leitet die Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Tübingen.
Stephan Bork leitet die Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Tübingen. © Foto: privat
Tübingen / Thomas Block 14.07.2018

Im Staufener Fall war die Mutter Berrin T. aktiv am Missbrauch ihres Sohnes beteiligt. Auch das macht diesen Fall so einzigartig. In der Regel begehen männliche Familienmitglieder die Tat, und die Mütter schauen weg. Sie tun dies, um Konflikten aus dem Weg zu gehen, sagt Dr. Stephan Bork, Leiter der Forensischen Psychiatrie am Universitätsklinikum Tübingen.

Herr Dr. Bork, die meisten Fälle von Kindesmissbrauch finden innerhalb der Familie statt und werden von Männern begangen. Welche Rolle nehmen die Mütter da ein?

Stephan Bork: Die Mütter bekommen das in unterschiedlichem Ausmaß mit. Die Täter versuchen in der Regel, den Missbrauch geheimzuhalten. Das gelingt ihnen oft, weil die Mütter mal mehr, mal weniger stark wegschauen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Das ist zwar nicht die Regel, es gibt auch Mütter, die sich anders verhalten. Doch wir beobachten das relativ häufig.

Wie würden Sie diese Mütter beschreiben?

Oft sind  das Frauen, die selbst nicht sehr selbstbewusst auftreten und sich von ihrem Partner abhängig fühlen. Wenn ein Missbrauch innerhalb der Familie stattfindet, führt das ja zu Konflikten auf vielen Beziehungsebenen, auch mit dem Partner. Dem gehen die Frauen aus dem Weg.

Wie weit geht diese Bereitschaft, wegzuschauen?

Schon recht weit. Die Mütter blenden die Wirklichkeit aus, drehen den Fernseher lauter, wenn aus dem Nachbarzimmer Geräusche zu hören sind, möglicherweise spielen auch Beruhigungsmittel eine Rolle. Für die Kinder ist das eine enorme zusätzliche Belastung. Sie werden nicht nur missbraucht, sondern auch noch von der Mutter nicht beschützt – obwohl sie häufig versuchen, sich ihr anzuvertrauen.

Wie sehen solche Versuche aus?

Das sind Sätze wie: Ich möchte nicht mit dem Papa, mit dem Onkel, mit dem Großvater alleine sein. Als Antwort wird ihnen dann gesagt, sie sollen sich nicht so anstellen, das sei schon nicht so schlimm, so etwas gebe es bei ihnen nicht. Letztlich führt das dazu, dass Kinder an ihrem Grundgefühl und ihrer Realitätswahrnehmung zweifeln. Sie fühlen sich selbst schuldig, was dann wiederum zu psychischen Problemen später im Leben führt.

Ist es denn für eine Mutter wirklich einfacher, den Missbrauch des eigenen Kindes über Jahre zu ignorieren, als den Partner zu verlassen?

Es ist kurzfristig einfacher, weil diese Frauen so die Beziehung zu ihren Partnern, ebenso wie den gefühlten Schutz in dieser Beziehung aufrechterhalten können. Mit den negativen Konsequenzen ihres Wegschauens werden sie erst konfrontiert, wenn das Kind älter ist oder der Missbrauch ans Licht kommt.

Ist die Mutter in diesem Fall Täter oder ist sie ebenfalls Opfer?

Sie ist Täter und Opfer zugleich. Sie selbst  empfindet sich als Opfer im Verhältnis zum Partner. Sie ist aber auch Täterin im Verhältnis zum Kind. Diese Frauen benötigen Hilfe und Unterstützung, aber sie sind nicht so schwer psychiatrisch beeinträchtigt, dass sie nicht verantwortlich sind für das, was da passiert. Aus professioneller Sicht kann ich ihr Handeln nachempfinden, aber ich kann es nicht billigen.

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