Stuttgart "IS-Gewalt gegen Jesiden ist ein Genozid"

Stuttgart / DPA 21.01.2016
Baden-Württemberg hat gut 900 Frauen und Kinder aus dem Nordirak aufgenommen. In ihrer Heimat droht ihnen Verfolgung und Tod.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann bezeichnet die Gewalt, die die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) den Jesiden antut, als Genozid. Der IS ermorde die Männer und versklave die Frauen, berichtete Kretschmann bei einem Empfang vor 400 Experten und Ehrenamtlichen in Stuttgart. "Wir alle hoffen, dass dies der letzte Genozid gewesen ist, den Ihr Volk erleiden musste", sagte der Grünen-Politiker, an das geistliche Oberhaupt der Jesiden, Baba Schaich, gewandt.

Kretschmann hatte nach dem Flüchtlingsgipfel des Landes im Oktober 2014 angestoßen, 1100 besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak aufzunehmen. 929 von ihnen sind nach Angaben des Staatsministeriums bereits in Baden-Württemberg angekommen, die restlichen sollen noch im Januar in Stuttgart landen.

Kretschmann dankte bei dem Empfang den Experten und Ehrenamtlichen, die daran mitarbeiten, die traumatisierten Frauen und Kinder aufzunehmen und zu behandeln. "Flüchtlinge werden nicht von Staaten aufgenommen, sondern von Menschen", sagte Kretschmann.

Unter den Gästen war der organisatorische Leiter des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm, Manfred Makowitzki. "Für Frauen aus diesem Kulturkreis ist es eher nicht üblich, über ihre Psyche zu reflektieren", sagte Makowitzki über die Arbeit mit den Jesidinnen. Es dauere, bis sie Gesprächsangebote annehmen. "Wir gehen davon aus, dass auch die Kinder viel Scheußliches miterlebt haben", sagte der Leiter der psychologischen Familienberatung der Caritas in Ulm, Andreas Mattenschlager. Überraschenderweise seien die Frauen offen, was die Betreuung und psychologische Behandlung ihrer Kinder angeht.

Die Arbeit mit Folteropfern dauert nach Angaben von Makowitzki erfahrungsgemäß zwei bis drei Jahre. Die Landesregierung erwartet, dass einige der aufgenommenen Frauen wieder in den Irak zurückkehren, die meisten aber auf Dauer in Deutschland bleiben werden.

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