Grüne Kretschmann heimlich aufgenommen: „Ihr habt keine Ahnung“

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen).
Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen). © Foto: dpa
Stuttgart/Berlin / Roland Muschel 23.06.2017
Ein heimlich aufgenommenes Gespräch zeigt einen erregten Winfried Kretschmann, der die Bundes-Grünen attackiert – und wirft politische wie auch moralische Fragen auf.

  Am Donnerstag musste Ministerpräsident Winfried Kretschmann notgedrungen zum Telefonhörer greifen, um Toni Hofreiter, den Fraktionschef der Grünen im Bundestag, zu besänftigen. Anlass war ein heimlich aufgezeichnetes Streitgespräch zwischen Kretschmann und dem Nürtinger Grünen-Bundestagsabgeordneten Matthias Gastel, das ein rechter Blog ins Netz gestellt hatte. Die zusammengeschnittene Sequenz zeigt, wie ein erregter Kretschmann Dampf ablässt. Auf Touren bringen ihn eine Rede Hofreiters und der Parteitagsbeschluss, das Ende des Verbrennungsmotor für 2030 zu terminieren. „Das sind doch Schwachsinns-Termine!“, wettert der 68-Jährige auf seinem Platz im Parteitagssaal. „Wie soll das funktionieren? Ihr habt doch keine Ahnung!“ Einmal in Fahrt, stellt Kretschmann sogar seinen Einsatz im Bundestagswahlkampf wegen des Beschlusses in Frage: „Ihr könnt das machen. Macht das, ist mir egal. Dann seit aber mit sechs Prozent oder acht einfach zufrieden.“ Und, etwas später: „Dann jammert nicht und lasst mich in Ruhe und macht Euren Wahlkampf selber!“

CDU-Politiker teilen Video gerne

Auf offener Bühne hatte Kretschmann noch gute Miene zum Parteitagsbeschluss gemacht: Der Oberrealo hatte zwar gegen den Antrag gestimmt, der die Zahl 2030 prominent ins grüne Zehn-Punkte-Programm gebracht hatte, seine Unterschrift unter das für den Wahlkampf wichtige Kurz-Programm aber nicht zurückgezogen.

Dass der Oberschwabe eine ­dezidiert andere Meinung hat, überrascht bei den Grünen niemanden. Seine überschaubaren Sympathiewerte bei den Bundes-Grünen wird die im Netz dokumentierte Abgrenzung aber nicht steigern. Beim breiten Publikum dagegen dürfte ihm der authentische Wutausbruch nicht schaden. Passt der ausgedrückte Pragmatismus doch zu seinem Image als einem Regierungschef, dem die Sache wichtiger ist als die Partei.

„Dass in der Hitze der Aus­einandersetzung mal überdreht wird, ist nur menschlich und ändert in der Sache nichts“, versuchte die Stuttgarter Regierungszentrale die Aufregung am Donnerstag zu dämpfen. Zugleich beklagte sie eine „eklatante Verletzung der Privatsphäre“: Ein solcher „Lauschangriff“ und seine Veröffentlichung seien „zumindest sittenwidrig“. Man gehe daher davon aus, „dass sich niemand mit den Urhebern, deren Blog für rechte Hetze bekannt ist, gemein machen will“. Abgeordnete des heimischen Koalitionspartners CDU hielt das indes nicht davon ab, das Video fleißig via Facebook zu verbreiten.

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