Naturschutz Die BUND-Leiterin und Ulmerin Brigitte Dahlbender im Interview

Klima- und Naturschutz als Herzensanliegen: Brigitte Dahlbender ist seit 20 Jahren BUND-Landeschefin.
Klima- und Naturschutz als Herzensanliegen: Brigitte Dahlbender ist seit 20 Jahren BUND-Landeschefin. © Foto: Frank Müller/BUND BW
Ulm / Fabian Ziehe 17.05.2017

Sie ist Naturschützerin und Sozialdemokratin, Biologin und Geografin, Kölnerin und Ulmerin: Brigitte Dahlbender, 62, hat viele Facetten und vielleicht genauso viele Funktionen, in denen sie sich einbringt. Die wohl wichtigste: Seit 20 Jahren ist sie Landeschefin des BUND in Baden-Württemberg.

Frau Dahlbender, bei S 21 waren Sie eine der führenden Gegnerinnen. Das hat Ihnen einige Prügel ­beschert. Sind das noch offene Wunden?

Brigitte Dahlbender: Ich versuche, das professionell zu nehmen, ich bin das gewohnt als Vertreterin eines Umwelt- und Naturschutzverbandes. Das bringt Leute mit mir nicht nur sachlich, sondern auch persönlich in Konflikt. Wenn ich nicht gelernt hätte, das abzuschütteln, könnte ich den Job nicht machen.

Was bleibt da zurück bei Ihnen?

Ich hoffe nicht allzu viel. Ich glaube, es ist mir gelungen, dass das weder Verbitterung noch Härte in mir ausgelöst hat. Sicher bin ich noch immer persönlich berührt. Aber ich bin weiter in der Lage, freundlich auf Menschen zuzugehen, von vorne anzufangen.

Nun sind sie 2016 zum 7. Mal als BUND-Landeschefin gewählt ­worden. Was treibt Sie an?

Es macht mir immer noch Spaß, in diesem Verband zu arbeiten. Die Menschen, die Ziele. Zudem bin ich überzeugt, dass ich auf Landesebene zurzeit politisch einiges bewegen kann aufgrund meiner Erfahrung und meiner Kenntnis der Strukturen.

Einer ihrer Schwerpunkte liegt bei der Stadtplanung – und dort liegen Sie mit ihrer eigenen Partei, der SPD, quer.

Ja, ich habe meine Konflikte mit der Partei – gerade bei den Themen Infrastruktur, Wohnungs- und Straßenbau. Da braucht es in der SPD Leute, die für nachhaltige Infrastruktur und zukunfts­fähige Mobilität eintreten.

In den 90ern hat man den Flächenfraß versucht einzudämmen. Derzeit geht die Entwicklung aber wieder in eine andere Richtung.

Das macht mich richtig sauer. Wir führen diese Wohnungsbaude­batte, weil Bund, Länder und Kommunen beim sozialen und preiswerten Wohnungsbau 15 Jahre lang gepennt haben. Förderung wurde zurückgefahren, günstiger Wohnraum fiel aus der Preisbindung, Kommunen haben ihre Wohnungsbaugesellschaften versilbert. Jetzt heißt es wieder, es muss gebaut werden, es braucht Flächen auf der grünen Wiese. Das ist kurzsichtig.

Tatsächlich hat der Wohnraum ja kontinuierlich zugenommen.

Wahr ist, dass in den 50ern der Anspruch pro Person bei 15 Quadratmetern lag. Heute liegen wir im Süden bei über 40 Quadratmetern. Das ist auch dem gesellschaftlichen Wandel geschuldet, Single-Haushalte brauchen mehr Fläche. Daneben hat sich aber auch unser Anspruch vergrößert. Das sind dann Luxusprobleme.

Allerdings geht bei Normalverdiener gerade in den Ballungsräumen gerne mal die Hälfte des Einkommens für das Wohnen drauf.

Es geht um Wohnfläche – hier konnten wir uns viele Jahre viele Quadratmeter leisten. Nur hat der Staat derweil vergessen, adäquaten Wohnraum für die zu schaffen, die das auf dem freien Markt nicht bezahlen können.

Was also tun?

Es gilt zu überlegen, welche Wohnungen wir bauen. Sozial geförderter und preiswerter Wohnraum fehlt – und feste Regularien, um dieses Angebot dauerhaft vorhalten zu können. Zudem müssen wir moderner denken – was Nachverdichtung, was Aufstockung von Gebäuden angeht. Es gibt Flächen, die wir noch entwickeln können. Und trotzdem werden wir neue Bauflächen brauchen – aber bitte im geringen Maße, energieeffizient und immer sozial durchmischt.

Nun fordert ihre Partei eine ­Änderung der Landesbauordnung, um Bauen günstiger zu machen.

Ich halte diese These für gänzlich falsch. Dachbegrünungen schützen die Flachdächer und das Stadtklima. Fassadenbegrünungen sind ebenso sinnvoll – und man braucht sie eh nur im Ausnahmefall. Beides macht Bauen nicht maßgeblich teurer. Und jetzt an den Energiestandards rütteln, auch das wäre ja unsinnig hoch drei. Und dann die Fahrrad­abstellplätze: Wenn ich künftig eine andere Mobilität will, muss ich heute die Grundlagen dafür bauen.

Sie fordern zudem, Mobilität zurückzubauen. Das klingt unattraktiv.

Das ist der nächste große Punkt: In Baden-Württemberg ist kaum eine Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Mobilität zu erkennen. Das ist einer unserer großen Konflikte mit der Landesregierung. Die setzt noch zu sehr auf konventionelle Automobilität und will nicht wahrhaben, dass sie diese erheblich verändern und zurückfahren müssen.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte mal versucht, einen anderen Akzent zu setzen. Und hat eine Bauchlandung hingelegt, auch, weil ein Ex-Koalitionspartner querschoss, also Ihre Partei.

Ja, das ist für mich persönlich ein Konflikt. Aber wenn man Partei-Mitglied ist, sind die Gründe dafür ja breiter angelegt als jetzt nur die Agenda Umwelt- und Naturschutz. Ich bin seit vielen Jahren in der SPD – aus Überzeugung. Aber was Infrastruktur angeht, sind die Konflikte auf Landesebene erheblich. Ich versuche, meine Parteikollegen in diesen Punkten zu überzeugen.

Vor 20 Jahren, als sie BUND-Landeschefin wurden, diskutierte man noch die „Verspargelung der Landschaft“. Was hat sich seither getan?

Was den Ausbau der Erneuerbaren angeht, ist Baden-Württemberg auf einem guten Weg. Man merkt, dass wir ein grün geführtes Umweltministerium haben. Was Klimaschutz insgesamt angeht hat sich in den vergangenen Jahren viel zu wenig beim Einsparen und bei der Effizienz von Energie getan. Da hinken wir und generell auch Deutschland hinterher.

Ein Haupthebel der Windkraft-Gegner ist ausgerechnet der Artenschutz – ist das nicht absurd?

Das ist absurd, darunter leidet der BUND sehr. Ich versuche, mit diesen Menschen den Klimawandel zu diskutieren. Dieser wird unser Artenspektrum gravierend verändern, einige Arten werden verschwinden. Wir müssen den Blick weiten auf die Gesamtfolgen.

Auch die Bahn thematisiert immer wieder den Artenschutz. Derzeit treiben die Neubaustrecken-Planer Eidechsenfunde im Albvorland um.

Der Artenschutz wird das Projekt nicht aufhalten. Es gibt nichts, was planungstechnisch nicht auszugleichen wäre. Das Problem liegt nicht bei den Eidechsen, sondern bei der Unfähigkeit der Bahn. Sie muss die artenschutzrechtlichen Vorgaben der Planfeststellung umsetzen wie alle anderen Vorgaben. Sie hatte dafür alle Zeit der Welt.

Sie antworten engagiert, entschlossen. Liest man aber über Sie, gelten Sie als nüchtern, distanziert und vorsichtig.

Mir wird von Anfang an nachgesagt, ich sei nüchtern. Das bin ich nicht. Aber: Wenn ich angegriffen werde, dann ist es meine Art, mich zurückzunehmen und meine Gefühle nicht nach außen zu lassen. Das bekommen dann eher Familie und Freunde ab.

Sie sind gebürtige Kölnerin.
Die ­sollen es ja etwas schwer mit
der Mentalität der Schwaben
haben.

Ach, ich finde, in meiner Heimatstadt Ulm hat sich viel getan. Der Menschenschlag hier hat aber auch einen großen Vorteil: In Köln findet man schnell Freunde, doch man ist sie auch schnell wieder los. In Ulm dauert das alles etwas länger. Aber diese Freunde halten dann zu einem.

Biologin und Geografin

Brigitte Dahlbender wurde 1955 in Köln geboren und wuchs dort auf. Die Geografin und promovierte Biologin kam 1990 nach Ulm. Von 1991 bis 1997 engagierte sie sich als Ulmer Kreisvorsitzende für den BUND und war bald auch Referentin des damaligen Landeschefs. Seit 1997 ist sie selber Landesvorsitzende und war von 2001 bis 2007 auch stellvertretende Bundesvorsitzende.

Sie ist Mitglied im Beirat für Raumordnung beim Bundesverkehrsministerium und im Kuratorium Nationale Stadtentwicklungspolitik beim Bundesumweltministerium. Sie war von April bis November 2011 eine Sprecherin des Aktionsbündnisses gegen „Stuttgart 21“ und ist seit 2014 Stadträtin in Ulm. Seit 2015 sitzt sie im SWR-Rundfunkrat und im TTIP-Beirat der Landesregierung. eb

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