Umweltminister Untersteller: „Hunde sind für Menschen gefährlicher als der Wolf“

Umweltminister Franz Untersteller.
Umweltminister Franz Untersteller. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Roland Müller 07.06.2018
Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) hält die Angst vor dem Wolf für übertrieben – und kritisiert die Bahn für Stuttgart 21.

Über den Wolf muss Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) derzeit öfter reden, als ihm lieb ist. Recht und Gesetz sind ihm dabei näher als öko-romantische Gefühle gegenüber „dem Viech“, wie er im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE betont. Eher bringen ihn Querschüsse des Koalitionspartners in Wallung.

Bei Bad Wildbad ist erstmals im Land ein Wolf „seßhaft“ geworden. Ein Grund zur Verunsicherung?

Franz Untersteller: Ich verstehe die Aufregung, die bei den Weidetierhaltern herrscht, die es wirtschaftlich ohnehin schwer haben. Wir tun alles, damit sie ihre Herden vor Wolfsangriffen schützen können. Wir haben ein Förderprogramm aufgelegt, in dem wir die Anschaffung von Elektrozäunen mit 90 Prozent fördern, auch Herdenschutzhunde finanzieren wir. Abgesehen davon ist die Aufregung schon etwas übertrieben.

Wie meinen Sie das?

Wir bekommen auch Rückmeldungen von Bürgermeistern, dass Touristen nun Angst hätten, in den Wald zu gehen oder mancher überlegt, den Waldkindergarten zu schließen. Da rate ich dazu, nüchtern die Fakten anzuschauen: Der Wolf ist etwa seit 20 Jahren zurück in Deutschland, und es gab keine einzige Attacke auf Menschen. Wir hatten aber allein in Baden-Württemberg letztes Jahr 1350 Angriffe von Hunden – einige davon mit tödlichem Ausgang oder schwersten Verletzungen. Da rate ich dringend zu mehr Rationalität. Das Märchen von Rotkäppchen und dem Wolf hat nichts mit der Realität zu tun.

Schäfer setzen verstärkt auf Herdenschutzhunde, die ihrerseits sehr wehrhaft sind. Droht hier vielleicht sogar das größere Risiko?  

Ich kann da kein Risiko erkennen. Ich habe mir die Ausbildung der Tiere auch schon persönlich angeschaut. Bei zertifizierten Herdenschutzhunden habe ich keinerlei Bedenken, dass Wanderer oder Jogger angegriffen werden. Das zeigen auch die Erfahrungen aus Ländern wie Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern, aber auch aus Süddeutschland. Denn die sind durchweg positiv.

Zur Unruhe trägt auch Streit in der Regierung bei. Forstminister Peter Hauk (CDU) wirbt laut dafür, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen.

Die Zuständigkeit ist klar: Die liegt, was den Wolf betrifft, beim Umweltministerium. Ich kann auch nicht im Ansatz erkennen, welche Vorteile es hätte, den Wolf ins Jagdgesetz aufzunehmen. Er ist und bleibt auch dann eine durch EU- und Bundesgesetze streng geschützte Art – das ganze Jahr, rund um die Uhr. Das sieht auch der Landwirtschaftsminister so. Wenn der Wolf im Jagdrecht wäre, müssten sich Landwirtschafts- und Umweltministerium jedes Mal abstimmen bei der Frage, ob ein Wolf sich auffällig verhält, gefährlich ist und womöglich geschossen werden muss. Dann hätten wir erst recht Diskussionen, die Zeit kosten. Was wir jetzt brauchen, sind aber klare Strukturen, Entscheidungen und Hilfe für die Betroffenen.

Wie ist denn derzeit das Vorgehen beim Umgang mit Wölfen?

Ein wichtiges Instrument ist das länderübergreifende Wolfs-Monitoring, das wir mit Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland aufgestellt haben. Ziel ist es, über Länder und Jagdreviergrenzen hinweg Wölfe zu kennen und entsprechend mit ihnen umgehen zu können Dazu schaffen wir auch eine gemeinsame Eingreif-Truppe aus Profi-Jägern, die im Fall der Fälle auch einen Wolf abschießen. Ich will nämlich nicht, dass das ein Revierjäger machen muss. In anderen Bundesländern haben die schon Morddrohungen radikaler Tierschützer bekommen.

Auch bei Stuttgart 21 macht der Artenschutz Schlagzeilen, zuletzt hat die Bahn vergeblich eine Bleibe für 5000 Mauereidechsen gesucht. Ist der Aufwand gerechtfertigt?

Auch da kann man nicht einfach sagen, lassen wir mal Fünfe gerade sein: Beim Artenschutz geht es um klare europarechtliche Anforderungen. Ich wundere mich nur darüber, wenn solche Diskussionen bei der Bahn in einem relativ späten Stadium des Projekts Stuttgart 21 aufkommen. Von Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger habe ich noch den Satz im Ohr, S 21 sei das am besten geplante Projekt in Deutschland. Wenn man das aber vernünftig geplant hätte, hätte man von Anfang an sehen müssen, dass auch der Artenschutz beachtet werden muss. Und dann hätte man auch leichter eine Lösung gefunden. Das Regierungspräsidium ist jetzt aber bei den Eidechsen in enger Abstimmung mit der Bahn, ich denke, dass da noch vor der Sommerpause ein Ergebnis kommt.

Grün-Schwarz will die Landesbauordnung überarbeiten, damit Bauen günstiger wird. Kann man bei Regeln zu Dachbegrünung, oder Fahrradstellplätzen Abstriche machen?

Aus meiner Sicht nicht. Beispiel Dachbegrünung: Der Klimawandel ist in vollem Gange und auch bei uns schon deutlich spürbar. Daran muss sich auch das Bauen anpassen. Dachbegrünung ist eine kostengünstige Maßnahme, damit es, gerade in Ballungsräumen, bei steigenden Temperaturen in den Gebäuden erträglich bleibt. Die Alternative wäre, wie in Kalifornien überall Klimaanlagen einzubauen, mit hohem Stromverbrauch. Das kann es doch nicht sein. Daher kann ich nur an alle appellieren, die glauben, es handle sich bei der Dachbegrünung um eine grüne Schicki-Micki-Idee, ein bisschen mehr Sachverstand walten zu lassen. Zumal die Regeln sehr flexibel sind. Es gibt aber andere Themen, über die man bei der Landesbauordnung reden sollte.

Nämlich?

Zum Beispiel, dass man bei dem aktuellen Bauboom im Land Zukunftsthemen wie die Elektromobilität mitdenkt. Dazu gehören Leerrohre in neuen Gebäuden, damit dort in den Tiefgaragen auch Ladestationen für E-Autos eingebaut werden können. Das kostet beim Bauen ein paar Cent – es wird aber teuer, wenn ich das nachträglich mit dem Presslufthammer machen muss. Davon hört man nichts. Stattdessen diskutieren einige darüber, Vorschriften zum Klimaschutz abzuwracken.

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