Stuttgart "Grün-Rot soll sich warm anziehen"

Ein Großaufgebot der Polizei begleitete die Teilnehmer der "Demo für alle" in Stuttgart.
Ein Großaufgebot der Polizei begleitete die Teilnehmer der "Demo für alle" in Stuttgart. © Foto: dpa
Stuttgart / JULIA GIERTZ, DPA 22.06.2015
Sexuelle Vielfalt als Schulthema, Gleichstellung der Homo-Ehe: Rund 4000 Teilnehmer der "Demo für alle" haben in Stuttgart gegen diese Ideen protestiert. Wird Sexualität zum Wahlkampfthema?

Öffnung der Ehe für Homosexuelle oder Vorrang für die Ehe mit Vater, Mutter, Kind: Befürworter einer völligen Gleichstellung von Homo- und Heterosexuellen sowie Verfechter des klassischen Familienbildes haben sich am Sonntag in Stuttgart unversöhnlich gegenübergestanden. Bei einer Demonstration gegen die Aufwertung des Themas sexuelle Vielfalt blieb es bis auf Rangeleien zwischen Gegendemonstranten und Polizisten zwar weitgehend friedlich.

Allerdings attackierten sich beide Lager verbal. Ein Großaufgebot von Polizisten versuchte, die Demonstrationen von einander zu trennen. Es habe einige Festnahmen wegen Beleidigungen gegeben. Rund 250 Gegner der "Demo für alle", die für konservative und christliche Werte eintritt, hatten sich mit Regenbogenfahnen und -luftballons am Stuttgarter Schlossplatz versammelt. Einige skandierten: "Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda."

Auf der anderen Seite standen nach Polizeiangaben 4000 Menschen, darunter auch Geistliche, mit rosa und blauen Luftballons. Nach Angaben von Organisatorin und Demo-Moderatorin Hedwig von Beverfoerde war es die größte von fünf solcher Veranstaltungen.

Ihr Protest richtet sich gegen die Pläne der grün-roten Landesregierung, sexuelle Vielfalt im Bildungsplan zu verankern, um Diskriminierung entgegenzuwirken und Toleranz zu fördern. So soll im Bildungsplan 2016 die Akzeptanz auch sexueller Vielfalt festgeschrieben werden. Zudem sind in einem am Dienstag im Kabinett verabschiedeten Aktionsplan etliche Schritte aufgeführt, um die Gleichstellung von homo-, bi-, inter- und transsexuellen Menschen mit Heterosexuellen zu erreichen.

Die Demonstranten befürchten infolgedessen eine "Frühsexualisierung" und "Gender-Experimente" mit Kindern, "Gehirnwäsche" von Jugendlichen und die Abschaffung der Ehe. Die Besucher der "Demo für alle", darunter viele Familien mit Kindern, wehrten sich auch gegen die Forderung des Bundesrates an die Bundesregierung, homosexuelle Partnerschaften komplett mit der Ehe gleichzustellen.

Zu den Rednern gehörten AfD-Mitglied Lukas Kuhs, Christoph Scharnweber vom evangelischen Arbeitskreis der CDU Heilbronn sowie der Vorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung Rhein-Neckar, Malte Kaufmann. Dieser ist auch Mitglied des CDU-Landesvorstands. Die CDU-Bundestagsabgeordneten Thomas Bareiß und Thomas Dörflinger schickten Grußworte ebenso wie der katholische Weihbischof Thomas Maria Renz der Diözese Rottenburg/Stuttgart. Der Kirchenmann sieht die Grundlage des Menschseins, nach seiner Meinung die Verbindung zwischen Mann und Frau, in Gefahr.

Die Vorsitzende der Grünen Jugend Baden-Württemberg, Lena Christin Schwelling, warf den "Familienkreuzrittern" vor, ein homophobes und frauenfeindliches Weltbild zu vertreten. "Für uns ist fundamental wichtig, Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind." An sexueller Selbstbestimmung sei gar nichts zu kritisieren. Das müsse auch Wolf einsehen, der angeregt hatte, Themen wie Sexualität wieder mehr ins Private zu verlagern.

Die Pläne in Land und Bund zielen nach Ansicht von von Beverfoerde auf das Aushöhlen der klassischen Ehe ab. Die Mutter von drei Kindern betonte: "Ehe bleibt Ehe, und zwar zwischen Mann und Frau." Alles andere komme einem Dammbruch gleich, nach dem auch Vielehe und Leihmutterschaft möglich werden könnten.

Vorwürfe des linken Spektrums, den Nährboden für Rechtsextremismus zu bereiten, wies von Beverfoerde zurück. "Wir stehen auf dem Boden des Grundgesetzes. Die Landesregierung soll sich warm anziehen, wenn sie weiter Volkes Stimme ignoriert."

Was im Aktionsplan steht

Akzeptanz Der umstrittene Aktionsplan "Für Akzeptanz und gleiche Rechte in Baden-Württemberg" wirbt für die Gleichstellung von Homosexuellen, Trans- und Intersexuellen (LSBTTIQ) im Land. Unter anderem sieht der Plan vor: bessere Integration von LSBTTIQ-Jugendlichen in die bestehende Jugendarbeit, etwa durch Ansprechpersonen; Sensibilisierung der Akteure in der Pflege und in der Behindertenhilfe; Stärkung von LSBTTIQ-Menschen mit Migrationshintergrund; Schaffung eines diskriminierungsfreien Schulalltags; Qualifizierung von Schulberatern; Sensibilisierung von Forschungseinrichtungen und Hochschulen für das Thema; Würdigung der LSBTTIQ-Geschichte, unter anderem durch die Aufarbeitung der Verfolgung Homosexueller; Schaffung einer diskriminierungsfreien Arbeitswelt; Integration der Belange von LSBTTIQ-Menschen in der Aus- und Fortbildung bei der Polizei; bessere medizinische und therapeutische Angebote für transgender, trans- und intersexuelle Menschen. dpa

 

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