Weite Teile des Milliardenprojekts Stuttgart 21 sind schon im Bau, nur am Flughafen wird noch geplant. Dieser Station kommt eine Schlüsselfunktion zu: Sie soll den schnellen Ost-West-Fernverkehr mit der Regionalbahn, dem Flugzeug, internationalen Busverbindungen und der Gäubahn verknüpfen. Elf Verhandlungstage, 5500 Einwendungen: "Die Anhörung ist nicht Pflicht, sondern Chance", sagt die Verhandlungsführerin Gertrud Bühler vom Stuttgarter Regierungspräsidium, aber: "Eine Einigung wird nur in Einzelfällen möglich sein."

Das liegt vor allem an den Zuhörern. Keine Hundert haben sich diesen Montag in der viel zu großen Kongresshalle verloren, fast ausnahmslos bilden sie den Kern der S-21-Gegner. Sie haben ein festes Ziel: Das Gesamtprojekt verhindern. "Wir sollten uns konzentrieren auf den Planfeststellungsabschnitt 1.3 und nicht die große Weltpolitik", warnt Manfred Legner, der die Bahn als Bauherrin vertritt.

Die Mahnung wird nicht gehört. Stattdessen versuchen die Zuhörer, die Anhörung mit Befangenheitsanträgen gegen das Regierungspräsidium auszuhebeln. Außerdem seien die Pläne unvollständig, das Verfahren abgekatert. Die Gegener ziehen Vergleiche - von der Nazizeit bis zu Putins Russland. Bühler zeigt sich fassungslos: "Schade, wenn auf diesem Niveau diskutiert würde. Wir lassen uns nicht unterstellen, dass das alles hier Show ist und alles schon feststünde."

Doch in der Tat ist der Ausgang halbwegs vorhersagbar. Die Bahn bringt ihre Antragstrasse ein, die sieht zwei Bahnhöfe an Flughafen und Messe vor. Einer für den ICE, der andere wird gemischt genutzt von der S-Bahn und den Fernzügen der Gäubahn. Echterdingens OB Roland Klenk, eigentlich ein Befürworter des Projekts, befürchtet durch diese Mischnutzung Nachteile. "Mitten durch die Stadt" führe nun der Nah- und Fernverkehr.

Auch wenn die S-Bahn ein wenig abgeschirmter ist, hat Klenk ein Gutachten geordert bei der TU Dresden, was Lärm, Erschütterungen und Kapazität der S-Bahn-Trasse angeht. Sein Fazit: Die Wissenschaftler sähen "eine erhebliche Beeinträchtigung der S-Bahn zu allen Tageszeiten". Das Gutachten schaffe eine neue Situation, sagt auch der Bund für Umwelt und Naturschutz. "Aus dieser Nummer kommt die Bahn nicht raus."

Vor gut zwei Jahren, beim so genannten Filderdialog, wurde ein Dutzend Alternativen debattiert und verworfen. Die beste Lösung damals: Ein einziger, neuer Flughafenbahnhof für alle Verkehre. Den aber wollte die Bahn nur bauen, wenn sich das Land mit mehr als 200 Millionen Euro beteilige. Die damals noch junge grün-rote Landesregierung lehnte ab.

Im Gegensatz zum damaligen Modell, bedauert Klenk, sei die aktuelle Antragstrasse nun weder zukunftsfähig noch tauglich für die Gegenwart. "Fatal kurzsichtig" sei gewesen, dass der bessere Bahnhof weder bei Freund noch Feind von S 21 eine Chance hatte.

Die Bahn hingegen versichert nach einem ersten Blick in die Expertise, dass sie ihre Pläne nicht überdenken müsse. In den kommenden elf Tagen werde sie zum Gutachten Stellung beziehen. Und falls man sich zwischendurch zu lange im Grundsätzlichen, Nichtänderbaren verheddern sollte, hat das Regierungspräsidium schon mal zwei Reservetage anberaumt. Nach zwölf Jahren Debatte wird einem die Bauzeit von viereinhalb Jahren für den Bahnhof, die Tunnels und zwölf Kilometer Geleis dann eher kurz vorkommen.