Kritiker Atomkritiker: „Reaktortyp hat Sicherheitsmängel“

Raimund Kamm: Todbringender Müll.
Raimund Kamm: Todbringender Müll. © Foto: Privat
Thomas Steibadler 30.12.2017
Raimund Kamm fordert, auch Block C sofort abzuschalten. Die Suche nach einem Atom-Endlager werde noch Jahrzehnte dauern.

Raimund Kamm ist seit Jahren im Vorstand des atomkritischen Vereins „Forum“ aktiv. Die besondere Aufmerksamkeit des 65-jährigen Augsburgers, früher Landtagsabgeordneter der bayerischen Grünen, gilt dem Kraftwerk in Gundremmingen.

Freuen Sie sich, dass Block B
abgeschaltet wird?

Raimund Kamm: Ja, sehr! Ein abgeschalteter Reaktor ist wesentlich weniger gefährlich als ein laufender. Auch wird dann im Prinzip weniger Strahlung freigesetzt und weniger Menschen werden krebskrank. Und – ganz wichtig – es wird in dem Block kein neuer Atommüll mehr erzeugt. Denn wenn man die Radioaktivität als Maßstab nimmt, produziert ein Großreaktor jeden Tag eineinhalb Mal so viel langlebigen Atommüll wie insgesamt in dem undichten Versuchsendlager Asse lagert. Block B erzeugt also jeden Tag mehr Atommüll als insgesamt in der Asse mit ihren 126.000 Atommüllfässern steckt.

Ihrer Meinung nach sollte also auch Block C gleich stillgelegt werden?

Ja. Block C ist der letzte noch laufende Siedewasserreaktor in Deutschland. Von früher zehn Siedewasserreaktoren sind Ende 2017 neun stillgelegt. Dieser Reaktortyp war billiger, hat aber gravierende Sicherheitsmängel.

Welche?

Ein Siedewasserreaktor hat nur einen Hauptkühlkreislauf, das brisante Abklingbecken ist weniger geschützt, weil es außerhalb des Sicherheitsbehälters liegt. Auch ist das Einfahren der für die Notabschaltung entscheidenden Steuerstäbe von unten anfälliger als bei den Druckwasserreaktoren. Hinzu kommt in Gundremmingen, dass beide Blöcke schlecht konstruiert sind: Die gewölbte Bodenplatte des Reaktordruckbehälters ist an der falschen Stelle angeschweißt, was bei einem Störfall mit Druckstößen kata­strophale Folgen haben kann. Und die Notkühlsysteme genügen nicht den gesetzlichen Vorschriften. Außerdem wurde auch für Block C nicht nachgewiesen, dass er gezielten Flugzeugabstürzen oder vergleichbaren Terroranschlägen standhalten würde.

Gehen ohne Atomstrom in Süddeutschland nicht die Lichter aus?

Nein. Denn anders als vor Jahren von den AKW-Betreibern wie auch der IHK Ulm und der IHK Schwaben behauptet, haben wir keine Stromlücke, sondern Kraftwerksüberkapazitäten. In Irsching bei Ingolstadt liegen zwei moderne Gaskraftwerke mangels Strombedarf still, die zusammen erheblich mehr Strom erzeugen können als der Block B in Gundremmingen. Hinzu kommt, dass die Windkraft jetzt in Deutschland schon die zweitgrößte Stromquelle ist. Photovoltaik und Windkraft liefern zusammen in unserem Land mehr Strom als jede andere Energiequelle – und das aus neuen Anlagen für fünf bis sieben Cent je Kilowattstunde. Unser Stromexportüberschuss ist fast so hoch wie die Atomstromproduktion. Auch wenn das Kraftwerk stillgelegt ist, bleibt das Zwischenlager in Gundremmingen bis 2046.

Wohin mit dem Atommüll?

Der Atommüll muss baldmöglichst weniger gefährlich unterirdisch gelagert werden. In einem tiefen Endlager in der am besten geeigneten geologischen Formation sind die Chancen größer, dass dieser todbringende Müll die notwendige Zeit von über einer Million Jahre isoliert bleibt.

Dauert die Suche nach einem
Endlager nicht viel zu lange?

Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis wir ein Endlager haben. Für die Zwischenjahrzehnte müssen wir für den tödlich strahlenden Atommüll neue und erheblich stabilere Zwischenlager bauen. Diese neuen Zwischenlager müssen nicht an den AKW-Standorten platziert werden. Sie können auch in Gemeinden errichtet werden, die zwar Atomstrom beziehen, aber nichts für die Energiewende tun und Windräder, Photovoltaikanlagen oder Stromleitungen bei sich ablehnen.

Eine Bestrafung der Energie­­wende-Verweigerer?

Das Atomkraftwerk Gundremmingen hat jahrelang auf seiner Werbeseite gelogen, „dass die Entsorgung radioaktiver Abfälle technisch gelöst und ganz überwiegend gängige Praxis ist.“ Die AKW-Betreiber, viele untätige Regierungen aber auch wegschauende Bürger haben seit Jahrzehnten schwerste Schuld auf sich geladen, dass sie keine Endlagerung zustande gebracht und dennoch weiter Atommüll produziert haben.

Und was sagen Sie den Menschen, die in der Nähe des Endlagers leben?

Die wirklich Betroffenen sind nicht die Menschen, die heute in der Nachbarschaft eines zu bauenden und vielleicht in 50 oder 100 Jahren in Betrieb gehenden Endlagers wohnen. Die wirklich Betroffenen sind unsere Nachkommen in 500 und 5000 und 50.000 und 500.000 Jahren und in einer Million Jahren.