Beratung Interview mit Professorin: Folgen rechter Gewalt sind schwer

Die Freiburger Professorin Gesa Köbberling.
Die Freiburger Professorin Gesa Köbberling. © Foto: Axel Habermehl
Stuttgart / Axel Habermehl 25.10.2017
Wie umgehen mit Opfern rechter Gewalt? Die Freiburger Professorin für Soziale Arbeit Gesa Köbberling im Interview.

Ihr Vortrag bei einer Tagung zum Thema Opfer-Beratung gerade in Stuttgart stand unter dem Titel „An der Seite der Betroffenen von rechter Gewalt“. Was heißt das konkret?

Gesa Köbberling: Es sind zwei Ebenen: Einerseits geht es mir darum, die Perspektive der Betroffenen nicht auszuklammern. Andererseits braucht es die konkrete Begleitung der von rechter Gewalt betroffenen Menschen. Man sollte sie in ihrer Lebensweise akzeptieren, ihnen nicht mit Misstrauen begegnen und sie bei der vielfältigen Bewältigung der Folgen so einer Gewalttat zu unterstützen.

Gilt das nicht für alle Gewaltopfer?

Selbstverständlich. Aber es gibt Besonderheiten: Opfer rechter und rassistischer Gewalt sind oft von Marginalisierung und Diskriminierung in fast allen Lebensbereichen betroffen. Außerdem hat die Gewalt eine zentrale Botschaft: Abwertung. Deshalb sind die individuellen psychischen Folgen oft besonders schwer. Das wirkt sich auf die Beratung aus.

Wie sollten staatliche Stellen in diesen Fällen agieren?

Zentral sind Strafverfolgung und Justiz. Betroffene haben ein starkes Bedürfnis, dass Unrecht anerkannt und Gerechtigkeit wiederhergestellt wird. Deshalb sind Gerichtsverfahren sehr wichtig, auch wenn es oft nicht möglich ist, Angeklagte zu verurteilen, etwa aus Mangel an Beweisen. Für Betroffene ist vor allem wichtig, dass Verfahren sorgfältig geführt werden und das Interesse erkennbar ist, Taten aufzuklären.

Nach Bekanntwerden des NSU gab es eine große Debatte um Rechtsterrorismus. Was ist daraus geworden?

Die gesellschaftlichen Mechanismen, die damals sichtbar wurden, liegen tief. Daher war es wichtig, ein Bewusstsein herzustellen, dass viele Opfer selbst unter Verdacht gerieten, Täter gewesen zu sein. Aber bis sich an solchen Mechanismen etwas ändert, sind langfristige Prozesse nötig. Dazu gehört die Anerkennung, dass es in den NSU-Ermittlungen nicht nur individuelle Fehleinschätzungen gab, sondern etwas, das mit dem Begriff „institutioneller Rassismus“ beschrieben wird.

Was ist eigentlich mit Opfern linksextrem motivierter Gewalt, wie sie etwa beim G-20-Gipfel auftrat?

Es bestehen große qualitative Unterschiede zwischen rassistisch und rechts motivierter Gewalt und Gewalt durch Linksextremisten, etwa bei Straßenschlachten. Rechte Gewalt ist eingebettet in gesellschaftliche Machtverhältnisse, die Opfer weitergehend diskriminieren. Das verstärkt die Wirkung der Gewalt. Das ist bei linker Gewalt so nicht festzustellen. Abgesehen davon: Für jeden von Gewalt Betroffenen ist es hilfreich, Unterstützung zu bekommen.