Berlin/Stuttgart / Gunther Hartwig

Auftritte in Berlin sind für Winfried Kretschmann prinzipiell Auswärtsspiele. Besonders Gremiensitzungen seiner eigenen Partei meidet der baden-württembergische Ministerpräsident nach Möglichkeit – die Rituale und Profilneurosen auf der Hauptstadtbühne sind ihm ein Graus. Erstaunlich wohl fühlte sich der Grüne jetzt aber bei einer Veranstaltung der Initiative „Neue Soziale Marktwirtschaft“, einer von Arbeitgebern und Industrie finanzierten marktliberalen Lobby-Organisation.

Kretschmann war gebeten worden, „20 Minuten Klartext“ zu reden, und wurde befragt von einem prominenten Parteifreund, dem früheren Bundestagsabgeordneten der Grünen, Hubert Kleinert, der heute als Politik-Professor in Kassel tätig ist. Im Publikum mischten sich ehemalige und aktuelle Bundestagsabgeordnete von FDP und CDU mit Interessenvertretern von Verbänden und Unternehmen – Dirk Niebel und Hermann Otto Solms, Oswald Metzger und Thomas Bareiß. Ein Hauch von „Jamaika“ waberte durch den Salon in Berlin-Mitte.

Kleinert, der hessische Realo aus dem Dunstkreis Joschka Fischers, erwies sich als kundiger Stichwortgeber für seinen Gesinnungsbruder Kretschmann, der die Erwartungen seiner überwiegend liberal-konservativen Zuhörer nicht enttäuschte. Warum es in „der großen Koalition in Stuttgart“, also im Bündnis der beiden stärksten Kräfte im Landesparlament, so reibungslos funktioniere, wollte Kleinert wissen. Kretschmanns Antwort: „Die Grünen in Baden-Württemberg sind eine wirtschaftsnahe Partei, und die CDU ist es sowieso.“

Auch andere Auskünfte des „nach Wolfgang Schäuble dienst­ältesten Politikers in Deutschland“ (Kleinert über Kretschmann) fielen ohne Umschweife aus. Wie das zu erklären sei – ein grüner Ministerpräsident im CDU-Stammland von Lothar Späth, Erwin Teufel und Günther Oettinger? „Es ist überraschend, aber es passt.“ Macht es ihm manchmal Angst, bundesweit so beliebt zu sein? „Ich weiß gar nicht, woher das kommt.“ Was hat es mit Kretschmanns Euphorie für die digitalisierte Wirtschaft auf sich? „Ob man das euphorisch sieht oder nicht – es kommt sowieso.“

Ganz geheuer war Kleinert dieses Bekenntnis seines Gesprächspartners wohl nicht, denn er hakte nach: „Winfried, wo bleibt bei dieser Betrachtung denn das wertkonservative Element?“ Die bündige Antwort: „Man kann doch nicht immer verklemmt in der Gegend rumlaufen, wenn man Regierungspartei ist.“ Ist es das, was die Südwest-Grünen von den Bundes-Grünen unterscheidet? Da wurde Kretschmann allerdings etwas mundfaul: „Die Gründe sind vielfältig.“ Ach so. Es ist ja Wahlkampf, die Grünen stecken in Schwierigkeiten, ein Parteitag steht unmittelbar bevor.

Der neoliberale Gastgeber war rundum zufrieden mit Kretschmann: „Das ist ja fast einer von uns“, raunte ein sichtlich ­überzeugter Lobbyist, „wenn er nur nicht demnächst ein ­Fahrverbot für Dieselautos verhängt.“