Herr Güngör, Sie sind in Ehingen geborener, türkischstämmiger Moslem, Sie führen Gruppen durch die Ehinger Moschee und Sie sind Geschäftsführer der Jungen Union im Alb-Donau-Kreis und in der Stadt Ulm. Wie passt das zusammen?

ALPER GÜNGÖR: Das sieht von außen erst einmal unvereinbar aus. Aber türkischstämmige Migranten verbinden mit der CDU mehr Parallelen als mit allen anderen Parteien. Wir sind sehr konservativ und haben die gleichen Werte, dasselbe Menschenbild wie die Christen. Uns liegt viel an der Familie, und auch Zukunftsfragen in der Ethik sind uns wichtig. Das passt wie die Faust aufs Auge. Mich persönlich hat auch die marktpolitische Ausrichtung der CDU überzeugt.

Warum sind Sie politisch aktiv?

GÜNGÖR: Ich wollte mich schon lange in der Gesellschaft, die mir so viel mitgegeben hat, engagieren, um etwas zurückzugeben. Ich hätte mir das auch in der Feuerwehr oder beim Technischen Hilfswerk vorstellen können, aber das würde zeitlich nicht klappen. Dort muss die Integration von Migranten aber auch noch vorankommen.

In der JU in Ehingen waren Sie der erste Türkischstämmige.

GÜNGÖR: Ja, und ich hatte zuerst das Gefühl, dass ich der erste überhaupt bin. Mittlerweile weiß ich, dass es in allen Großstädten in Deutschland Türken in der CDU gibt. Das passt einfach zusammen. Viele lassen sich vom "C" im Namen abschrecken. Aber es ist keine Christenpartei, sondern sie beruht eben auf christlichen Werten - das macht sie zur Volkspartei, mit der sich Türken, Chinesen wie auch Atheisten identifizieren können. Wir haben alles dabei.

Apropos abschrecken: Wie hat Ihre Familie reagiert, als sie in die JU und später in die CDU eingetreten sind, und wie sind Sie in der Partei aufgenommen worden?

GÜNGÖR: Mein Vater war sehr erfreut. Wir waren immer CDU-nah. Negative Erfahrungen waren gar nicht dabei, im Gegenteil: Ich habe schon viele Moslems in Ehingen von der CDU überzeugt, und die wählen nun alle Schwarz. Auch die Junge Union hat sich extrem gefreut, als ich Mitglied wurde. Im Ortsverband haben wir inzwischen noch zwei andere Türkischstämmige. Ich finde es gut, wenn ich andere ermutigen kann, sich auch zu engagieren.

Die CDU ist aber nicht gerade die Multikulti-Partei.

GÜNGÖR: Ich bin auch keiner, der Multikulti will. Die Gesellschaft braucht Farben, aber es darf keine Parallelgesellschaften geben - Leute, die kein Deutsch lernen wollen. Von einem 70-jährigen ehemaligen Gastarbeiter erwarte ich nicht, dass er noch Deutsch lernt. Aber ich bin nun die dritte Generation, und mein Kulturkreis ist schon sehr stark eingedeutscht. Das bricht jetzt alles auf, und den Migranten ist die Bildung ihrer Kinder wichtig. Die Devise der Politik muss "Fordern und Fördern" heißen.

Wurden Sie schon als Quotentürke bezeichnet?

GÜNGÖR: Ja klar, aber eher im Spaß und in der Freizeit. Die CDU hat es in der Vergangenheit versäumt, Migranten anzusprechen, da ist noch viel zu holen. Das haben andere Parteien bisher mehr ausgeschöpft, zum Beispiel die Grünen mit Cem Özdemir. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass man mich vorschieben will. Beschimpft wurde ich allerdings aufs Übelste vor der Volksabstimmung zu Stuttgart 21, da habe ich bei Straßenaktionen Werbung für das Bahnprojekt gemacht und Plakate aufgehängt. Und da ich in der Grünen-Hochburg Tübingen wohne, musste ich mir einiges gefallen lassen. Das bezog sich dann aber immer auf das Verhalten der CDU in der Vergangenheit.

Haben Sie kein Problem damit, dass sich die CDU gegen die Vollmitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union eingesetzt hat?

GÜNGÖR: Nein, überhaupt nicht. Ich finde, die Türkei passt nicht in die EU, und eine privilegierte Partnerschaft, wie sie die CDU vorschlägt, wäre das Richtige. Ich bin Deutscher und interessiere mich für deutsche Politik, daher ist das ohnehin nicht so sehr mein Thema.

Wie sehen Sie die neueren Ansichten der CDU-Spitze? Entfernt sich die Partei mit Atomausstieg und dem Mindestlohnthema zu sehr von ihren konservativen Grundsätzen?

GÜNGÖR: Nein. Ich freue mich über manche Neuerungen. Man darf die CDU nicht so starr sehen. Der Grundpfeiler bleiben ethische Fragen, aber wenn sich Erkenntnisse einschleichen, muss man auch danach handeln.

Wofür wollen Sie im Landesausschuss Integration kämpfen, was sind die Ziele der JU?

GÜNGÖR: Uns geht es um die bessere Anerkennung von Berufsabschlüssen aus dem Ausland. Außerdem soll der Fachkräftemangel bekämpft werden, indem wir Migranten qualifizieren. Denn Bildung bedingt Integration.

Was haben Sie politisch noch alles vor? Welches Amt solls werden?

GÜNGÖR: Ich habe da keine Ambitionen. Aber mich reizt eher die kommunale Ebene. Ich bin zwar mittlerweile auch in Sitzungen des Landesausschusses Integration der JU, aber ich will da sein, wo ich am meisten bewegen kann. Das macht Spaß, und außerdem sind wir alle gute Freunde und gehen gemeinsam weg. Zum Amt kann ich nur sagen, das sucht man sich nicht aus, das kommt auf einen zu.