Im Pforzheimer Gemeinderat herrschte fraktionsübergreifende Einigkeit. Das Gremium stimmte einem Vergleich zu, der vor dem Landgericht Frankfurt mit der Bank J.P. Morgan ausgehandelt worden ist. Demnach erhält die Stadt als Entschädigung für riskante Finanzwetten 28,1 Millionen Euro. Die Stadtkasse hatte bereits 9,1 Millionen Euro einbehalten, doch weil durch die als besonders lukrativ eingeschätzten Derivate-Geschäfte ein ungleich höherer Verlust von 54 Millionen entstanden war, verbleibe ein Schaden von 17 Millionen Euro, gab die Pressestelle bekannt.

In der Hoffnung auf Geldvermehrung hatten die damalige Oberbürgermeisterin Christel Augenstein (FDP) und Kämmerin Susanne Weishaar 2005 das finanzielle Heil in "Swaps" gesucht. Dabei wird auf die Zinsentwicklung gewettet. Ohne Wissen des Gemeinderats arbeiteten sie mit der Deutschen Bank zusammen. Nachdem sich ein Defizit von 21 Millionen Euro angesammelt hatte, entschieden sich die Heimlichtuer fürs "Spiegeln" - derselbe Deal wurde ab 2007 mit der Investmentbank J.P. Morgan eingegangen, weil sonst Schulden bis zu 300 Millionen Euro drohten.

Der neu gewählte OB Gert Hager (SPD) zog die Reißleine. Als im Dezember 2009 die Einzelheiten des Derivate-Debakels auf den Tisch gelegt worden waren, reagierten die ausgebooteten Gemeinderäte entsetzt. Der Stadt sei nicht nur ein finanzieller Schaden entstanden, sagte der OB, das Vertrauen in die Verwaltung sei erschüttert, das Image Pforzheim schwer geschädigt. Im Dezember 2011 stellte Hager die fälligen Quartalszahlungen von 726 000 Euro an J.P. Morgan ein. "Die Stadt bewegt sich endlich wieder auf dem Boden des geltenden Rechts", erklärte er.

Der Sozialdemokrat hat die seit dem Jahr 2001 amtierende Liberale Augenstein bei der Wahl im Juni 2009 besiegt. Zuvor hatte er in der Pforzheimer Verwaltung das Dezernat für Schule, Soziales, Kultur und Sport geleitet. Von den hochspekulativen Finanzaktionen hatte er damals offenbar nichts bemerkt.

Hager reichte am 30. Dezember 2010 beim Landgericht Frankfurt Klage wegen "Beratungsverschuldens" gegen die Investmentbank ein. Seither zog sich das Verfahren hin. Es gab mehrere Vergleichsvorschläge. Anfangs sollte sich Pforzheim mit 18,6 Millionen Euro zufriedengeben, was etwa einem Drittel des Schadens entsprochen hätte. Die Argumente der Stadt haben ihre Wirkung nicht verfehlt, steigerte doch der Richter das Angebot von 22,7 auf zuletzt 28,1 Millionen Euro. Damit bekäme Pforzheim zwei Drittel des Schadens ersetzt. Mit der Deutschen Bank wird noch prozessiert, ein Ende ist nicht abzusehen.

Die Staatsanwaltschaft Mannheim hat im Februar 2013 Klage gegen Augenstein und Weishaar wegen des Verdachts der schweren Untreue vor dem Landgericht Mannheim erhoben. Ob es zum Prozess kommen wird, ist unklar. "Über die Eröffnung hat die 22. Wirtschaftsstrafkammer noch nicht entschieden, die Sache befindet sich im Zwischenverfahren", sagte Gerichtssprecher Joachim Bock der SÜDWEST PRESSE. Die Kammer müsse prüfen, ob "ein hinreichender Tatverdacht" vorliege. Die Entscheidung falle im nächsten Jahr.

Kommunen sind Spekulationen mit Steuergeldern nicht erlaubt. Dieses Verbot war in einem besonders spektakulären Fall ignoriert worden, als der damalige Bürgermeister von Neckarwestheim, Horst Armbrust (FDP), auf unseriöse Angebote hereingefallen ist. Dem Ort im Kreis Heilbronn, der dank der Steuern der beiden Atomkraftwerke sehr reich geworden ist, hatte er zwischen 1987 und 1995 einen Schaden von umgerechnet 22 Millionen Euro zugefügt. Das Landgericht Stuttgart verurteilte Armbrust im Januar 1996 wegen schwerer Untreue und Urkundenfälschung zu achteinhalb Jahren Haft.