Schwäbisch Gmünd "Auslöser ist oft aus dem Kontext gerissen"

Medienwissenschaftlerin Hanne Detel rät bei Shitstorms dazu, besonnen zu reagieren. Foto: Privat
Medienwissenschaftlerin Hanne Detel rät bei Shitstorms dazu, besonnen zu reagieren. Foto: Privat
FABIAN ZIEHE 01.08.2013
Shitstorms sind wie Unwetter: Sie brechen gnadenlos herein, entladen aber auch gesellschaftliche Spannungen. Die Tübinger Medienwissenschaftlerin Hanne Detel hat den "entfesselten Skandal" erforscht.

Frau Detel, was führt Ihren Erkenntnissen nach zu einem Shitstorm im Internet?
HANNE DETEL: Meist geht eine Normverletzung voraus: Man tut etwas, was sich so nicht gehört. Das empört erst einige wenige - aufgrund der schnellen Verbreitung im Internet aber bald sehr viele Leute. Der Auslöser ist oft aus dem Kontext gerissen - eine Aussage, die in einem anderen Zusammenhang entstanden ist, ein Bild, das anders gemeint war. In Gmünd war es das Foto von OB Richard Arnold, der an die Hutkrempe eines afrikanischen Freiwilligen greift.

Wie sollte ein Konzern wie die Bahn oder eine Kommune wie Schwäbisch Gmünd damit umgehen?
DETEL: Es ist wichtig, schnell, aber nicht überstürzt zu reagieren. Man sollte den Dialog mit der Öffentlichkeit und den Beteiligten suchen und klären, worum es im Kern geht. In einem zweiten Schritt gilt es, Transparenz zu schaffen und Fehler einzuräumen, wenn es sie gibt. Also lieber keine Salamitaktik. Drittens sollte man authentisch bleiben - wie die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann: Als sie alkoholisiert am Steuer erwischt wurde, hat sie - ihrem Image entsprechend - konsequent reagiert und ist zurückgetreten. Und dann zählt noch, trotz aller Aggressionen gleichmütig zu bleiben und sachlich zu reagieren. Bloß nicht selbst beleidigend werden!

Ist die Dynamik eines Shitstorm von den Betroffenen in den Griff zu bekommen?
DETEL: Der erste Sturm lässt sich nicht stoppen, er passiert in Echtzeit. Aber dann kann man auf den Kern der Kritik eingehen, zum Umdenken bewegen. In Gmünd hat man gesehen, dass das funktioniert hat. Als klar wurde, dass die Flüchtlinge die Arbeit gern machen und den Job als positive Beschäftigung verstehen, haben einige Menschen ihre Meinung geändert.

Wie sollten Journalisten auf Shitstorms reagieren?
DETEL: Man beobachtet, dass zunächst einige Journalisten auf den Hype aufspringen und von der Aufmerksamkeit profitieren wollen. Erst im nächsten Schritt - so sollten Berichterstatter eigentlich reagieren - folgt die Reflexion. Journalisten haben eine Recherchepflicht: Sie sollen den Kontext ergründen und so das Geschehene einordnen.

Ist ein Shitstorm etwas grundsätzlich Schlechtes?
DETEL: Ein Shitstorm hat meist zwei Gesichter: Es gibt aggressive Beschimpfungen, die über die Akteure hinwegfegen. Aber Shitstorms bieten einfachen Bürgern auch die Chance, in kurzer Zeit auf ein Problem aufmerksam zu machen, das so nicht in den Medien thematisiert wird. Da helfen Shitstorms, Themen auf die gesellschaftliche Agenda zu setzen - wie im Fall Schwäbisch Gmünd die schockierend schlechte Bezahlung arbeitender Asylbewerber.

Dient das Phänomen auch als Mittel, um Meinung zu manipulieren?
DETEL: Es gibt Wege, Empörungswillen zu missbrauchen. Man sollte daher den Shitstorm vorbeiziehen lassen - und sehen, was von den Anschuldigungen übriggeblieben ist.

Info
Mehr zu Shitstorms und Medien-Hypes bietet das Buch "Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter" von Bernhard Pörksen und Hanne Detel.