Jahrelanger Krieg und IS-Terror haben im Irak schwere Verwüstungen angerichtet und tiefe Spuren in den Seelen der dort lebenden Menschen hinterlassen. Der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan, Professor in Villingen-Schwenningen, hilft traumatisierten Opfern – vor Ort und in Baden-Württemberg.

Herr Kizilhan, Sie bauen mit Unterstützung der Landesregierung ein Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie im irakischen Dohuk auf. Wie geht es voran?

Jan Ilhan Kizilhan: Wir bilden Therapeuten aus. Im März haben 30 Studierende ihr Studium begonnen, das wird drei Jahre dauern. Es handelt sich um eine Doppelqualifikation: einen Masterstudiengang und eine Psychotherapie-Ausbildung nach deutschen Kriterien. Im November waren Vorbereitungsprüfungen, 28 haben bestanden. Wenn wir nicht unterrichten, sind die Studierenden in Kliniken und Flüchtlingslagern und behandeln unter Supervision Menschen, die kriegstraumatisiert sind, oder in den Händen des IS waren.

Welche psychischen Folgen beobachten Sie in den von Krieg und IS-Terror betroffenen Gebieten?

50 bis 60 Prozent der Menschen, die in IS-Gefangenschaft waren, leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch von den etwa 1,5 bis 2 Millionen Flüchtlingen, die im Irak leben, leidet etwa die Hälfte an Traumatisierungen oder Depressionen. Viele haben Angststörungen und psychisch bedingte Körperschmerzen wie Migräne, Magen- oder Kopfschmerzen. Es treten Schlafstörungen, Alpträume, Unruhe und Suchterkrankungen auf.

Der IS hat schwerste Grausamkeiten verübt, Menschen ermordet, versklavt, vergewaltigt. Sind die seelischen Wunden der Opfer heilbar?

Den Begriff „heilbar“ verwenden wir nicht, wir sprechen von „psychischen Narben“. Mit denen umzugehen, ist nicht einfach. Wir glauben aber, dass Betroffene, wenn sie ausreichend psychosoziale Hilfe und Psychotherapie bekommen und Sicherheit herrscht, lernen können, mit ihrem Trauma umzugehen. Diese Menschen werden von Symptomen überrannt: von Alpträumen, Erinnerungen, Flashbacks. Das ist wie ein Attentat auf das Gedächtnis. Unser Ziel ist, dass die Betroffenen Kontrolle über ihre Symptome bekommen. Sie müssen lernen, dass das Trauma ein Teil ihres Lebens ist, aber nicht ihr ganzes Leben.

Sie haben auch mit Tätern gesprochen. Ihr Buch „Psychologie des IS“ enthält ein lnterview mit einem IS-Mitglied, das als Henker tätig war. Der Mann ist ein Fanatiker, Kriegsverbrecher, Vergewaltiger ohne jedes Schuldgefühl. Was denken Sie über diese Leute?

Wir müssen auch ihnen helfen. Als Therapeuten sind wir wertneutral. Der Mensch, der bei uns mit einem Leiden Hilfe sucht, bekommt Unterstützung.

Therapie für Täter? Nicht einfach zu vermitteln, oder?

Aber es ist auch politisch wichtig. Es geht um die Deradikalisierung von Gesellschaften. Kürzlich sind 6000 IS-Unterstützer aus Tunesien in ihre Heimat zurückgekehrt. Wir müssen Konzepte entwickeln, diese Menschen zu deradikalisieren und wieder in die Gesellschaften zu integrieren. Das schließt natürlich juristische Verfolgung nicht aus. Für Verbrechen, die diese Menschen verübt haben, müssen sie bestraft werden.

Auch hunderte Islamisten aus Deutschland waren beim IS. Nun zerfällt das „Kalifat“. Was wird mit „unseren“ Dschihadisten?

Nicht alle haben überlebt, aber viele werden versuchen, zurückzukommen. Das stellt uns vor die große Herausforderung, sie richtig einzuschätzen. Ist das ein Täter, der an einem Genozid oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt war? Oder ist es ein Mitläufer, der selbst Leid erlebt oder gesehen hat und damit nicht klarkommt? Unsere Pflicht ist, uns um sie zu kümmern, sie zu deradikalisieren, damit sie keine Gefahr darstellen. Dafür brauchen wir Konzepte.

Solche Konzepte gibt es. Für wie erfolgversprechend halten Sie die Programme, die auf dem Markt sind?

Sie sind geeignet für Menschen, die ihre Schuld erkennen und bereuen. Leute, die motiviert sind, sich mit ihren Taten auseinanderzusetzen und an sich zu arbeiten. Wenn keine Motivation vorhanden ist, können die Konzepte nicht funktionieren. Und die intellektuelle Elite des IS ist ausreichend kompetent, an solchen Programmen nur zum Schein teilzunehmen. Das ist eine Gefahr.

Ein britischer Minister hat neulich über IS-Auslandskämpfer gesagt: „Am besten, man tötet sie alle, bevor sie zurückkommen.“

Wir sind ein demokratischer Rechtsstaat, wir töten keine Verdächtigen. Wir bringen sie vor Gericht und gegebenenfalls in Haft, unsere Gefängnisse sind auch zur Resozialisierung da.

Immer wieder kommt es gerade in Haft zu Radikalisierungen.

Das stimmt, auch deutsche Gefängnisse gelten als „Universitäten des IS“. Die Justiz muss anders mit solchen Insassen umgehen, sonst kommen die irgendwann raus und sind noch gefährlicher als vorher. Das ist den Verantwortlichen aber bewusst.

Sie betreuen auch verfolgte Jesidinnen, die in Baden-Württemberg aufgenommen wurden. Was denken die über die Rückkehr der Täter?

Ich habe kürzlich erst mit einer jungen Frau gesprochen, die über ein Jahr in der Hand des IS war, die vergewaltigt wurde und die Hälfte ihrer Familie verloren hat. Sie sagt: Diese Männer muss man töten oder vor Gericht stellen. Viele Jesiden sind nicht sehr begeistert, dass so viele Muslime nach Deutschland kommen. Die Minderheit der Jesiden hat historisch immer wieder unter islamischer Herrschaft gelitten.

Es ist ja denkbar, dass sich Täter und Opfer aus Syrien und Irak in Deutschland begegnen.

Theoretisch möglich, aber unwahrscheinlich. Viele Täter sind bekannt und werden auch hier gesucht, die Frauen haben Ermittlern Namen genannt und Fotos gezeigt. Aber manche traumatisierten Frauen, die monatelang misshandelt und vergewaltigt wurden, erleben jetzt jeden bärtigen, islamisch aussehenden Mann als Trigger. Sie bekommen auf der Straße Angstanfälle.

Zwischen Schwarzwaldrand und Nahem Osten


Person Jan Ilhan Kizilhan ist Psychologe und Professor an der DHBW Villingen-Schwenningen. Außerdem ist er medizinisch-psychologischer Leiter des Projekts „Sonderkontingent Jesidinnen“. Die Landesregierung hat 2014 gut 1000 Frauen und Mädchen aus dem Nordirak aufgenommen, viele wurden vom IS verfolgt und waren brutaler Gewalt ausgesetzt.

Projekt Kizilhan und andere Kooperationspartner, darunter die Uni Tübingen, bauen außerdem ein Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie im nordirakischen Dohuk auf. Bisher gibt es im Nahen Osten keine vergleichbare Psychotherapeutenausbildung. Die Landesregierung in Stuttgart fördert das Vorhaben mit 1,32 Millionen Euro.