Gesundheit Krankenhäuser: 400 Ärzte-Stellen im Land nicht besetzt

Stuttgart / Jens Schmitz 27.06.2018
Die Krankenhausträger im Südwesten beklagen einen Rekord-Fachkräftemangel und eine unzureichende Finanzierung.

Baden-Württembergs Krankenhausträger schlagen Alarm: Bei Pflegern und Ärzten hat der Fachkräftemangel Rekordniveau erreicht; das geht aus einer am Mittwoch vorgestellten Erhebung hervor. Gleichzeitig klagen Spitäler, Reha- und Alteneinrichtungen über chronische Unterfinanzierung durch die öffentliche Hand.

„Es war noch nie so schwierig, freie Stellen in der Pflege zu besetzen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG), der Heilbronner Landrat Detlef Piepenburg: Im „BWKG-Indikator“ für die erste Jahreshälfte 2018 klagen 75 Prozent der Krankenhäuser und Rehakliniken über Probleme, Pflegekräfte zu finden; bei den Altenpflegeeinrichtungen sind es sogar mehr als 90 Prozent. „Das sind erschreckende Zahlen“, so Piepenburg. Bei den Ärzten sieht es kaum besser aus. 72 Prozent der Rehakliniken und 64 Prozent der Krankenhäuser tun sich schwer bei der Gewinnung entsprechender Mediziner. Der BWKG zufolge sind derzeit in den Krankenhäusern im Land rund 400 Ärzte-Stellen vakant, bei den Pflegefachkräften 1200 Stellen. „Das haben wir noch nie gehabt, so eine Situation.“

Erschreckende Zahlen

Für ihren Indikator befragt die BWKG halbjährlich die Geschäftsführer von Krankenhäusern, Reha- und Pflegeeinrichtungen zu ihrer wirtschaftlichen Situation und zum Arbeitsmarkt. Gemeinsam mit Hauptgeschäftsführer Matthias Einwag lobte Piepenburg ein geplantes Sonderprogramm des Bundesgesundheitsministeriums, das deutschlandweit 13.000 neue Stellen für die Altenpflege vorsieht. „Aber ganz ehrlich“, wandte Pipenburg ein: „Wo kommen die neuen Mitarbeiter denn her?“

Angesichts eines leer gefegten Arbeitsmarktes dringt die BWKG darauf, die Attraktivität des Berufsbildes zu erhöhen, sowohl bei der Bezahlung als auch durch Entlastung.  Speziell in Baden-Württemberg wanderten ausgebildete Fachkräfte nicht nur in andere Branchen ab, sondern auch in die besser entlohnende Schweiz. Aus Sicht des Interessenverbands genügt es nicht, dass der Bund zugesagt hat, die neuen Stellen und vorgesehene Tarifsteigerungen in der Pflege zu finanzieren. „Warum nur das Pflegepersonal? Warum nicht auch die anderen Berufsgruppen, die wir genauso brauchen?“, fragte Piepenburg. Medizinische Fachangestellte, Patientenbegleiter, Technische Assistenten, Unterstützung in Dokumentation oder im Servicebereich: „Mehr Personal am Krankenbett oder im Pflegeheim wird es nur geben, wenn die Pflegekräfte durch andere Mitarbeiter entlastet und unterstützt werden können.“ Sehr wichtig sei auch, den Bürokratieaufwand abzubauen, sagt der Landrat.

Ein zweites großes Problem sehen die Branchenvertreter in der Finanzierung durch Kassen und öffentliche Hand. Die Nähe zur Schweiz und die Wirtschaftskraft Baden-Württembergs schlagen sich im Lohnniveau nieder. „Eine Krankenpflegekraft kostet rund 10.000 Euro in Baden-Württemberg mehr als in Mecklenburg-Vorpommern“, sagte Hauptgeschäftsführer Einwag, bezogen aufs Jahr. Das Vergütungssystem sei aber für diesen Unterschied blind: Die Abrechnungssätze sind bundesweit gleich. Die Folge laut Einwag: „Der Anteil von Krankenhäusern in den roten Zahlen ist in Baden-Württemberg der höchste bundesweit.“

Neben der Refinanzierung der Betriebsausgaben bereiten den Einrichtungen auch die Investitionskosten Sorge, für die das Land zuständig ist. Für den Erhalt der bestehenden Struktur seien 600 Millionen Euro pro Jahr notwendig, sagte Piepenburg; ein Betrag, der seit Jahren weit verfehlt werde. „Insofern ist die Anspannung im investiven Bereich genauso da wie bei der Betriebskostenseite.“ Neben einer Erhöhung des Budgets dringt die BWKG auf eine Überprüfung der Standards, nach denen der Bedarf erhoben wird. Unter anderem soll es für Sonderanstrengungen wie flächendeckende Digitalisierung Extratöpfe geben.

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