Tübingen / Madeleine Wegner  Uhr
Im Tübinger 3D-Museum kann jeder online Objekte der Sammlungen der Universität betrachten und kostenlos herunterladen.

Zum Greifen nah erscheint die bunt bemalte hölzerne Oberfläche des ägyptischen Sarkophags. Die einzelnen Teile bewegen sich und es wird klar: Der Sarkophag besteht aus zwei Särgen, zusammengesetzt wie eine Matrjoschka-Puppe. „Wenn Sie mit dem Laserpointer jetzt einen Punkt auf dem Fußboden anwählen, können Sie sich dorthin teleportieren“, sagt Philippe Kluge vom eScience-Center der Uni Tübingen. Ein Knopfdruck und der Sarkophag ist bis ins Detail von der anderen Seite zu betrachten: Inschriften, aufgemalte Gesichter, Szenen aus dem Totenbuch mit bunten Figuren. Die VR-Brille ermöglicht es, in eine virtuelle Realität einzutauchen und besondere Objekte wie dieses 2600 Jahre alte Sargensemble genauestens von allen Seiten aus anzuschauen – und das, ohne einen Fuß in das Museum zu setzen.

Solch ein 3D-Museum richten derzeit Mitarbeiter des Museums der Universität Tübingen (MUT) und des eScience-Centers zusammen mit Tübinger Studierenden ein. Dazu digitalisieren sie Objekte aus den Sammlungen der Universität. Tierpräparate vom Langschnabel-Igel und vom Kiwi etwa, das Plastinat eines menschlichen Herzens, eine Holzmaske aus Kamerun und das Modell eines Reisspeichers, einzelne archäologische Funde oder auch ganze Räume wie eine ägyptische Opferkammer oder die Vogelherdhöhle: Die ersten 30 Objekte sind bereits online.

Drehen und wenden

Auch ohne VR-Brille lohnt sich ein Besuch im 3D-Museum, also auf der Internetseite des Unimuseums. Denn die Objekte kann man auf dem Bildschirm drehen und wenden. Außerdem darf sie jeder kostenlos und hochauflösend herunterladen. Wer Zugriff auf einen 3D-Drucker hat, kann die Ausstellungsobjekte also ausdrucken. Damit nimmt das MUT laut Matthias Lang, der das Projekt zusammen mit Frank Duerr koordiniert, vermutlich europaweit eine Vorreiterrolle ein. Er spricht von einer „Liberalisierung und Demokratisierung“ des Museums: Jeder hat (sofern er über einen Internetzugang verfügt) Zugang zu den Exponaten.

Einen Rückgang der Besucherzahlen fürchtet Frank Duerr vom MUT nicht. Er verweist auf das Rijksmuseum in Amsterdam, das alle Werke online zur Verfügung stellte und in der Folge ein großes Plus an Besucherzahlen verzeichnete. „Das Reale und das Digitale ergänzt sich ganz wunderbar, sie treten beide in einen Dialog. Zugleich entsteht eine Dialektik zwischen Alt und Neu. Ich glaube, in diesem Feld kann sich noch ganz viel tun“, sagt Duerr. Hinzu kommt, dass ein besonderes Augenmerk auch auf Objekten liegt, die sonst selten oder nie zu sehen sind. Sie werden somit zumindest digital zugänglich gemacht.

Diese Arbeit übernimmt – zusammen mit Unterstützung vieler Studierender – das eScience-Center der Uni. Dessen Schwerpunkt liegt in der Dokumentation archäologischer Grabungen und Fundstätten. „Dabei spielt die 3D-Erfassung eine große Rolle“, sagt Lang. In diesem Zusammenhang sei auch die Idee zum 3D-Museum entstanden. Das Verfahren ist recht aufwendig, denn es dauert bereits mehrere Stunden, Aufnahmen des jeweiligen Objekts zu erstellen. Anstatt die Exponate über Laserscan zu erfassen, werden sie digital fotografiert: Dies ermöglicht eine deutlich bessere Darstellung der Oberfläche. Anschließend bearbeiten Experten wie Philippe Kluge die Oberflächen, um das Modell so realistisch wie möglich aussehen zu lassen. Haben die Museumsmacher da keine Angst vor einer kriminellen Nutzung der Daten oder Fälschungen? „Das Thema spielt keinerlei Rolle“, sagt Lang. Ein Produkt aus dem 3D-Drucker sei leicht als Fälschung zu enttarnen.

Da immer mehr Objekte digitalisiert werden, wächst das 3D-Museum ständig. Vollständig wird es jedoch vermutlich nie: Manche Exponate dürfen aus rechtlichen Gründen nicht online gehen. Ansonsten hätte das 3D-Team noch eine Unmenge Arbeit vor sich: Die Tübinger Sammlungen beherbergen mehr als vier Millionen Objekte.

Info Das 3D-Museum kann man im Internet unter www.unimuseum.de besuchen. Es kommen mit der Zeit immer mehr Objekte hinzu.

Unterstützung vom Ministerium

Demokratisierung „Die Digitalisierung eröffnet den Museen ganz neue Möglichkeiten, Kunst und Kultur zu vermitteln und so auch neue Besuchergruppen zu begeistern“, sagt Staatssekretärin Petra Olschowski. Das Wissenschafts-Ministerium unterstützt Museen, digitale Projekte umzusetzen – beispielsweise bei der Entwicklung von Games oder Apps. Im Fokus dabei stehen  Vermittlungsarbeit und Publikumsorientierung. del