Tradition Köhlereibetrieb: Ein uraltes Handwerk lebt weiter

Die nächste Generation ist am Werk: Norbert (links) und Max Geiselhart bei der Arbeit am Kohlenmeiler.
Die nächste Generation ist am Werk: Norbert (links) und Max Geiselhart bei der Arbeit am Kohlenmeiler. © Foto: Horst Haas
Hayingen / Thomas de Marco 05.08.2018
50 Jahre lang war Georg Geiselhart Köhler auf der Alb. Nun hat in der Familie die sechste Generation den Betrieb übernommen

Wenn am Dienstag auf der Köhlerplatte im Wald von Hayingen-Münzdorf zum zweiten Mal in diesem Jahr die Kohlenmeiler entzündet werden, geht Altmeister Georg Geiselhart, 80, das Herz auf. Hier auf der Alb hat er bis vor zwei Jahren noch selbst die Meiler aufgeschichtet, um Holzkohle zu machen. 50 Jahre lang hat er das Handwerk seines Vaters weitergeführt. Doch dann machte sein Körper nicht mehr mit. Nun ist Geiselhart glücklich, dass sein Großneffe Max Geiselhart, 17, und der Metzinger Norbert Geiselhart, 59, ein weiterer Verwandter, die Köhlerei übernommen haben.

Die beiden haben zwei Meiler aufgeschichtet: Buchenholz um einen Feuerschacht in der Mitte, abgedeckt mit Gras, darüber Asche von der Kohlegewinnung im vergangenen Jahr und Humus.  „Ich will und soll die Köhlerei weiterführen“, sagt Max Geiselhart aus Münzdorf, der eine Lehre als Zimmerer macht und zwei Wochen Urlaub nimmt, wenn die Meiler glühen. „Ich bin von klein auf dabei und möchte, dass dieser Beruf und die Familientradition erhalten bleibt.“ Die Geiselharts sind seit 150 Jahren Köhler – der 17-Jährige setzt das nun in sechster Generation fort.

Sozial schwächste Schicht

Viel Kohle ist mit der Holzkohle nicht zu machen. Das war schon so, als früher die Köhler mit ihren Familien davon leben mussten. „Die Leute hausten im Wald, waren bitterarm und die sozial schwächste Schicht“, erzählt der 80-jährige Georg Geiselhart. Das hat sich aber immerhin gewandelt: Die wenigen verbliebenen Köhler sind heute mit ihrem uralten Handwerk immaterielles Kulturerbe der Unesco.

Die Münzdorfer verkaufen ihre Holzkohle im 15-Kilo-Sack zu 25 Euro an Grillfreunde, die die bessere Qualität und die deutliche höhere Hitze schätzen. Während der 10 Tage, in denen die beiden Meiler von oben nach unten durchglühen, kommen immer wieder Leute aus den umliegenden Dörfern, aber auch aus den nahe gelegenen Städten Reutlingen und Tübingen auf die Köhlerplatte bei Münzdorf. Die weiteste Anreise hat jedoch immer Giorgio Luchetta, 67: Seit 10 Jahren fährt er aus Muttenz bei Basel in der Schweiz auf die Alb.

Ein rauchender und glühender Meiler sei für ihn wie ein Lebewesen, sagt der frühere Personalchef, dem handwerkliches Geschick komplett abgeht. Eben deshalb fasziniert ihn die Köhlerei. Immer, wenn in Münzdorf das Holz zur Kohle wird, quartiert er sich im Hayinger Lauterdörfle ein und ist die ganze Zeit mit dabei. Bis zu 150 Fotos pro Tag schießt er von den schwarzen Hügeln.

Beim ersten Besuch in Hayingen ist er per Zufall auf die Köhlerei gestoßen – und seither begeistert von den Geiselharts. Mit dem alten Meister verbindet ihn eine tiefe Freundschaft. Oft ist er nachts bei Georg Geiselhart in der kleinen Hütte auf der Köhlerplatte gesessen und hat mit ihm stundenlang schweigend auf die rauchenden Meiler geschaut. „Das ist für mich Erholung pur“, erklärt Luchetta.

Auch nachts muss die Verkohlung alle zwei Stunden kontrolliert werden. Denn nur wenn der Rauch weiß vom Wasserdampf ist, läuft alles nach Plan. Steigt dagegen blauer Rauch aus den gestochenen Öffnungen, den Pfeifen, sehen die Köhler rot. Denn dann kommt zu viel Sauerstoff durch die Öffnungen, die Holzkohle verbrennt. Dann muss die Pfeife geschlossen und weiter unten gestochen werden. Der Verkohlungsprozess verläuft von oben nach unten. Vom ursprünglichen Volumen bleibt nur etwa ein Drittel übrig, sagt der 80-jährige Münzdorfer Georg Geiselhart. Wo das Holz des Meilers bereits durchgeglüht ist, klopfen die Köhler morgens und abends den Meiler fest. Dort ist der Hügel dann deutlich schmaler als weiter unten, wo das Holz noch nicht zu Kohle umgewandelt ist.

Gut zehn Tage glühen die beiden Meiler auf der Münzdorfer Köhlerplatte durch und kühlen danach  zwei Tage lang aus. Dann werden sie morgens um 6 Uhr auseinandergezogen – und die Kohle kann eingesammelt werden. Altmeister Geiselhart ist auch diesmal wieder zuversichtlich, dass seine beiden Nachfolger „einen guten Kohl“, wie er zur Holzkohle sagt, hinbekommen werden. Aber noch wolle er die nächste Generation nicht zu früh loben, sagt der 80-Jährige lachend. Und ist glücklich, dass sich die Familientradition hält. „Das ist mein einziger Wunsch!“

Brennstoff des vorindustriellen Zeitalters

Die Herstellung von Holzkohle ist seit mehr als 2500 Jahren bekannt. Das Brennmaterial hatte für die wirtschaftliche Entwicklung vor der Industrialisierung eine überragende Bedeutung: Mit Holzkohle werden Temperaturen von bis zu 580 Grad erreicht, was die Verhüttung von Erz zu Eisen erst möglich machte. Bei der Verkohlung verliert das Holz vor allem Wasser, das verdampft, und Holzgase.

Die Abnehmer der Holzkohle waren neben Eisengießereien auch Glashütten, bäuerliche und vorindustrielle Schmieden sowie Hammerschmieden. Zu den Kunden eines Köhlers gehörten auch Hausfrauen, die ihre Bügeleisen mit Holzkohle erhitzten, Bäcker sowie Maronenverkäufer. Um das Jahr 1850 wurde die Holzkohle mehr und mehr durch Steinkohle verdrängt. dpa

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel