Jagdtrieb Keine Entschädigung, wenn ein Hund die Herde hetzt

Singen/Bad Wildbad / Petra Walheim 05.11.2018
Ein Hund hatte im Juni bei Singen eine Schafherde auf die Gleise gejagt. 50 Tiere starben. Entschädigung gibt es nicht.

Heute vor fünf Monaten ist ein Hund bei Singen am Hohentwiel in eine Schafherde mit 100 Tieren eingefallen. Die stoben in Panik auseinander. 51 Schafe rannten auf das Bahngleis, auf dem gerade der Regionalzug fuhr, 49 Tiere starben. Michael Thonnet und seine Geschäftspartnerin Hanne Pföst, die die Hohentwiel-Domäne bewirtschaften, haben bis heute für die toten Tiere keinerlei Entschädigung erhalten, weil der Hundehalter nicht ermittelt werden konnte. Wäre er bekannt, müsste er oder seine Versicherung die Kosten für die toten Schafe übernehmen. Den Schaden an der Lok übernimmt die Betriebshaftpflicht. Das hofft zumindest Hanne Pföst.

Hätte ein Wolf die Herde auf die Gleise getrieben, wären sie und Michael Thonnet vom Land für jedes getötete Tier entschädigt worden. Für die Erstattung von Schäden am fremden Eigentum, die von wild umherlaufenden Schafen verursacht worden sind, machen die Versicherungen dagegen keinen Unterschied, ob ein Hund, ein Wolf, ein hupendes Auto oder ein Radfahrer die Herde erschreckt hat. Hat ein Schäfer eine Betriebshaftpflicht-Versicherung, kann er den Fremdschaden geltend machen. Trotzdem werfen Tierhalter immer wieder die Frage auf, wer für  Sach- und Personenschäden haftet, wenn ein Wolf die Herde auf Straßen oder Bahngleise hetzt. Dabei ist das längst geregelt.

Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes, weist jedoch darauf hin, dass die Versicherung nicht in jedem Fall zahlt. Sie betont: „Das Haftungsrisiko liegt zu 100 Prozent beim Schafhalter.“ Der könne sein Hab und Gut verlieren, „wenn ein Wolf die Schafe auf die Straße treibt, ein großer Personen- und Sachschaden entsteht, und die Versicherung die Haftungsübernahme abschlägt“. Sie verweist auf einen Fall in Thüringen.

Kein Einzelfall

Die „Thüringer Allgemeine“ berichtete im August, vermutlich Wölfe hätten Schafe und Ziegen auf die A4 getrieben. Die Tiere seien drei Kilometer von der Autobahn entfernt mit einem 90 Zentimeter hohen Elektrozaun gesichert gewesen, durch den der Strom in vorgeschriebener Stärke geflossen sei. Die Wölfe konnten ihn überwinden und die Tiere auf die Autobahn jagen. Zwei Sattelzüge überfuhren dann fünf Ziegen und Schafe. Der Schaden an den Lkw betrug 3000 Euro. Wer dafür aufkommt, sei unklar. Für jedes tote Tier erhalte der Schäfer vom Land 150 Euro, berichtete die Zeitung. „Die Entschädigung für das einzelne Tier reicht bei weitem nicht aus, um den wirtschaftlichen Schaden, der bei jedem einzelnen getöteten oder verletzten Tier entsteht, zu decken“, sagt Wohlfarth.

Um Schäfer für vom Wolf gerissene Tiere entschädigen zu können, hat in Baden-Württemberg eine Trägergemeinschaft aus Jagd-, Umwelt- und Naturschutzverbänden den „Ausgleichsfonds Wolf“ gegründet. Aus ihm wurden nach Auskunft des Umweltministeriums die Schäfer entschädigt, die bei vier Wolfs-Rissen 50 Schafe und eine Ziege verloren haben. Dafür wurden aus dem Fonds 9440 Euro entnommen. Nicht mitgerechnet sind die Risse mit vier toten Tieren in Huzenbach bei Baiersbronn und Reichental im Kreis Rastatt.

Gerissene Tiere werden erstattet

Für die gerissenen Tiere würde der übliche Marktpreis erstattet, sagt ein Sprecher des Ministeriums. Das seien für Mutterschafe zwischen 80 und 100 Euro, für einen Bock etwas mehr.

Michael Thonnet und Hanne Pföst haben eine Belohnung von 3000 Euro ausgesetzt für den, der den entscheidenden Hinweis auf den Hundehalter geben kann. Dass es ein Hund war, der ihre Herde in Panik versetzt hat, macht Hanne Pföst an einer Bisswunde fest, die ein Schafbock am hinteren Lauf erlitten hat. Sie vermutet, dass der Hundehalter den Strom vom Elektrozaun genommen hat, um den Hund von der Weide zu holen.

Den Schaden an der Lok werde vermutlich die Betriebshaftpflicht übernehmen, sagt Hanne Pföst. „Aber die toten Schafe ersetzt mir niemand.“ Nur weil hilfsbereite Bürger mit Spenden geholfen haben, konnten sie und Michael Thonnet weiter machen. Mit dem Geld haben sie 42 Merino-Lämmer aus Bayern gekauft. Mit ihnen wollen sie eine neue Herde aufbauen.

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Was das Gesetzbuch sagt

Im Paragraph 833 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) zum Thema „Haftung des Tierhalters“ ist geregelt, dass der Tierhalter aus der „Ersatzpflicht“ entlassen wird, wenn seine Tiere sorgfältig beaufsichtigt waren.

Schäfer sind verpflichtet, ihre Herden so zu sichern, dass sie nicht ausbrechen können und weder Hund noch Wolf in Herden einfallen können. „Ob der Ausbruch des Nutztieres dann durch einen Wolf verursacht wurde oder nicht, beeinträchtigt den Versicherungsschutz nicht“, schreibt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft in einer Stellungnahme. wal

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