Es ist ein erschütternder Fall, den das Mannheimer Schöffengericht seit Dienstag verhandelt. Die 44-jährige Angeklagte hat ihren Pflegesohn monatelang „gequält und misshandelt“,  sagte Staatsanwalt Tobias  Lutz zum Pro­zessauftakt. Der mitangeklagte gleichaltrige Ehemann habe nichts dagegen unternommen und selbst zugeschlagen. Schwer verletzt und unterernährt war der kleine Justin letzten September in eine Klinik eingeliefert worden.

Die angeklagten Eltern zweier leiblicher Kinder hatten den dreijährigen Jungen  im November 2016 bei sich aufgenommen. Der Pflegesohn sollte dauerhaft in der Familie leben.

Zunächst soll sich das Paar ­durchaus liebevoll um den Buben gekümmert haben. Folgt man der An­klage, dann wurde für ihn das ­Leben nach einigen Monaten jedoch zur Hölle. Vor allem durch die Pflegemutter. Mehrfach soll sie ihn von Juli 2017 an mit der Faust oder der Hand geschlagen haben. Einmal stieß sie ihn gegen einen Heizkörper und brach ihm das Schlüsselbein, so die An­klage. Ein anderes Mal soll sie ihm besonders heftig ins Gesicht geschlagen haben, was ein aufgeplatztes Kinn und ein Brillen­hämatom verursachte. Auch mit einem Kochlöffel soll sie auf  Justin eingedroschen haben. Um den Jungen zu bestrafen, hat die 44-Jährige ihn an den Haaren gezogen und „ganze Haarbüschel herausgerissen“, sagte der Staatsanwalt.

Das Kind habe zu wenig oder gar nichts zu essen bekommen. Drei bis vier Wochen habe die Frau ihm das Essen verweigert und das ausgehungerte Kind ins Bett geschickt. Wenn er sich schmutzig machte, soll sie ihn mit eiskaltem Wasser abgeduscht haben. Ihr Gatte habe all dies mitbekommen, aber nicht eingegriffen und mindestens einmal selbst zugeschlagen.

Im September 2017 erhielten Mitarbeiter des Jugendamtes einen Hinweis und suchten die Familie auf. Sie fanden Justin in einem furchtbaren Zustand vor. Der Bub kam in eine Klinik, wo er zehn Tage behandelt wurde. Ärzte diagnostizierten unter anderem Frakturen an Hand und Schlüsselbein sowie eine Leberprellung und zahlreiche Hämatome. Zudem war der Junge „deutlich unterernährt“, sagte Staatsanwalt Lutz.

Inzwischen ist Justin bei einer Mitarbeiterin des Jugendamtes untergebracht.

Die leibliche Mutter tritt in dem Prozess als Nebenklägerin auf. Da Justin bereits von einer Richterin vernommen wurde, muss er nicht mehr vor Gericht erscheinen.

Öffentlichkeit ausgeschlossen

Nach Verlesung der Anklageschrift wurde die Öffentlichkeit gestern ausgeschlossen. Wegen der schutzwürdigen Interessen der Angeklagten und  der Nebenklägerin, sagte die Vorsitzende Richterin. Erst bei der Urteilsverkündung am 28. Februar sind Presse und Zuschauer wieder zugelassen. „Das ist eine Frechheit“, schimpfte eine Besucherin.

Andere zeigten dagegen Verständnis für die Entscheidung des Gerichts. Verteidiger Günter Urbanczyk hatte sogar beantragt, die Öffentlichkeit auch bei der Verlesung der Anklage und beim Urteil auszuschließen. Dem ist das Gericht jedoch nicht gefolgt.

Die Staatsanwaltschaft wirft der angeklagten Frau gefährliche ­Körperverletzung und Miss­handlung eines Schutzbe­fohlenen vor. Der mitangeklagte Mann wird der Körperverletzung und Misshandlung eines Schutzbe­fohlenen durch Unterlassen beschuldigt.

Wie werden Pflegeeltern kontrolliert?


Der Fall eines misshandelten Jungen aus der Pflegefamilie im Rhein-Neckar-Kreis wirft ein Schlaglicht auf diese Form der Hilfe für Kinder in Not.

Was steckt hinter dem Konzept der Pflegeeltern? Im Unterschied zu einer Unterbringung im Heim hat die Pflege den Vorteil, dass das Kind in eine Familie eingebettet ist.

Welche Gründe gibt es für die Unterbringung in Vollzeitpflege? Die häufigsten Gründe sind Vernachlässigung und/oder körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt in der Familie. Die Pflege kommt auch in Frage, wenn die jungen Menschen durch Ausfall der leiblichen Eltern wegen Krankheit, Inhaftierung, Tod oder eingeschränkter Erziehungsfähigkeit nicht adäquat versorgt werden.

Wie viele Pflegekinder gibt es in Deutschland? Im Jahr 2008 wurden 54 400 Kinder außerhalb ihrer eigenen Familie erzogen. 2016 waren es mehr als 74 000. Im Südwesten gab es 2017 rund 6800.

Wie hoch ist das Pflegegeld? Das ist vom Bundesland abhängig. Im Südwesten beträgt es seit Januar für Kinder bis zu sechs Jahren 837 Euro im Monat. Für Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren erhalten die Pflegeeltern 921 Euro und für ältere Kinder bis zum 18. Lebensjahr 986 Euro.

Wie werden Pflegeeltern ausgewählt? Das Jugendamt überprüft die Eignung der Pflegeeltern vor der Unterbringung des Kindes. In der Regel finden mehrere Gespräche statt, davon mindestens eines während eines Hausbesuchs. Die Bewerber nehmen an Vorbereitungsseminaren teil. Das Verfahren ist im Gesetz nicht präzise geregelt.

Wie kontrolliert das Jugendamt? Konkrete Anforderungen zu Umfang und Inhalten der Zusammenarbeit sowie zu Häufigkeit der Überprüfung im Haushalt gibt es nicht. Hausbesuche sind in der Regel angemeldet. Für einen unangemeldeten Besuch sind laut Gesetz gewichtige Gründe erforderlich wie Hinweise über eine Gefährdung des Kindeswohls in der Pflegefamilie. Diese muss dem Jugendamt wichtige Ereignisse melden, die das Kindeswohl betreffen. dpa