Mit Masern hat Dr. Frank Kirchner eigentlich jeden Tag zu tun. Mindestens zwei bis drei Kinder bekommen von dem Kinderarzt aus Vogt (Kreis Ravensburg) täglich eine Impfung gegen die Infektionskrankheit. Meist kann er die Spritze ohne viel Aufhebens setzen, manchmal ist es komplizierter: „Ich erlebe jede Woche Impfdiskussionen mit Eltern“, sagt Kirchner.

Der Arzt schätzt, dass rund 30 Prozent unsicher seien, ob sie ihr Kind impfen lassen sollen. „Manche sind der Meinung, dass das Kind eine solche Krankheit durchmachen soll und wissen nicht, wie gefährlich die Masern sind“, erzählt der Arzt. Andere wiederum hätten kein Vertrauen in den Impfstoff und argumentierten, dass die Impfung gefährlicher sei als die Krankheit selbst. „Bei den ein bis zwei Prozent der harten Impfverweigerer dringe ich nicht durch“, sagt er. Bei der großen Mehrheit setze allerdings ein Denkprozess ein, wenn er Risiken und Nutzen erläutert.

Impfquote liegt bei nur 84 Prozent

Auch seine Ärztekollegen im Kreis Ravensburg führen solche Diskussionen regelmäßig. Die  Region im Südosten Baden-Württembergs ist eines der Schlusslichter bei der Masern-Impfung von Kindern. Bei der Einschulungsuntersuchung im Jahr 2017 waren dort 84 Prozent aller Kinder gegen Masern geimpft – eine schlechtere Quote gab es nur im Enzkreis, wo 82,1 Prozent der Kinder geimpft waren. Der Landesdurchschnitt lag bei 89,1 Prozent.

Land will Impfpflicht prüfen

Damit ist Baden-Württemberg  im Bundesvergleich Schlusslicht bei der zweiten Masernimpfung. Experten gehen davon aus, dass erst bei einer Quote von rund 95 Prozent der sogenannte Herdenschutz eintritt – also auch Kinder vor der Krankheit geschützt sind, die nicht geimpft werden können. Der baden-württembergische Sozialminister Manne Lucha (Grüne) kündigte deswegen im April an, die Einführung einer Impfpflicht zu prüfen. Inzwischen will auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Masern-Impfpflicht. Dafür gibt es Lob aus Stuttgart: „Jens Spahn hat meine volle Unterstützung“, sagt Lucha. Der „kollektive Gesundheitsschutz“ stehe „über dem Individualrecht“, sagt der Sozialminister.

Warum gerade die Eltern im Kreis Ravensburg ihre Kinder seltener impfen lassen, wird Dr. Michael Föll regelmäßig gefragt. Der Mediziner leitet das Gesundheitsamt des Kreises und erklärt die schlechte Masern-Impfquote mit mehreren Faktoren. Ein Grund sei, dass Ravensburg ein prosperierender Landkreis mit wenig Arbeitslosigkeit sei: „Beim Impfen gilt das Paradox: Je besser gebildet, desto vermeintlich sorgfältiger überlegen Eltern, ob sie ihre Kinder impfen lassen sollen“, sagt der Facharzt.

Manche Ärzte sehen Impfung kritisch

Ein weiterer Grund seien einzelne Kollegen: „Wenn sie in einem eher kleinen Landkreis ein bis zwei Kollegen haben, die Impfungen kritisch sehen, dann schlägt das auf die Statistik durch“, erklärt Föll. Darüber hinaus gebe es ältere Mediziner, die das Impfen zwar positiv sehen, jedoch nicht nach den neuesten Leitlinien impften, also die Impfung später als empfohlen verabreichen. Früher habe es die zweite Masern-Impfung erst nach der Einschulung gegeben, heute werde sie viel früher verabreicht. Der Impfstatus der Kinder werde aber bei der Schuleingangsuntersuchung erhoben, also im Alter von etwa vier bis fünf Jahren.

Auch Föll hält die Einführung einer Impfpflicht für sinnvoll und ist überzeugt, dass sie helfen würde. „Die Pocken wurden damals auch durch eine Impfpflicht ausgerottet“, sagt er. Dadurch seien viel Leid und viele Tote verhindert worden. Die Masern seien eine gravierende und gefährliche Krankheit. „Für deren Ausrottung sind die Nachteile, die durch den Zwang entstehen würden, zu rechtfertigen“, sagt der Arzt.

Verein kritisiert Aktionismus

Das sieht die Vereinigung „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ ganz anders und kritisiert den Vorstoß von Gesundheitsminister Spahn. „Der Gesetzentwurf ist blinder Aktionismus, der die Faktenlage völlig verkennt und ignoriert“, teilt der Heidelberger Kinder- und Jugendarzt Michael Friedl mit. Er ist Vorsitzender des Vereins. Eine Impfpflicht ziele „darauf ab, Grundrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das elterliche Pflege- und Erziehungsrecht einzuschränken“.

Außerdem kritisieren die Gegner der Impfpflicht, dass die zweite Masern-Impfung, die in der Impfquote erfasst wird, „überschätzt“ werde. Sie verbessere den Schutz nicht wesentlich, ihr Effekt sei „umstritten.“ Man wolle sich daher „mit allen Mitteln gegen die Pflicht wehren“. „Das schließt ausdrücklich auch rechtliche Schritte gegen den Spahn’schen Gesetzentwurf ein“, sagt Friedl.

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Gegner befürchten Ausweitung


In Deutschland gebe es derzeit keinen zugelassenen Einzelimpfstoff gegen Masern, kritisieren die „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“. Laut aktueller Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) soll die Masernimpfung mit einem Kombinationsimpfstoff durchgeführt werden, der auch Impfungen gegen Mumps und Röteln enthält. Die Kritiker befürchten deswegen, dass es damit praktisch auch eine Impfpflicht für diese beiden Infektionen geben wird.