Dreifachmord Villingendorf: Höchststrafe für 41-Jährigen

Trauerbekundungen am Tatort.
Trauerbekundungen am Tatort. © Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Rottweil / Petra Walheim 26.06.2018
Ein 42-Jähriger hat in Villingendorf drei Menschen erschossen, darunter seinen Sohn. Das Gericht stellt ihm eine schlechte Prognose.

Drazen D. wolle Verantwortung übernehmen, das Urteil annehmen und keine Rechtsmittel einlegen. Das erklärte Verteidiger Bernhard Mussgnug am Dienstag am Ende der Urteilsverkündung im Landgericht Rottweil. Er tat dies im Namen seines Mandanten. Der war angeklagt, am 14. September 2017, am Tag der Einschulung seines sechs Jahre alten Sohnes Dario, eben diesen  Sohn, den neuen Partner seiner Ex-Freundin sowie dessen Cousine in Villingendorf erschossen zu haben.

Dafür verurteilte das Landgericht den 42-Jährigen zu einer lebenslangen Haftstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Das heißt, dass Drazen D. nach 15 Jahren nicht aus der Haft entlassen werden kann. „Selbst bei günstiger Prognose wäre das unangemessen“, sagte der Vorsitzende Richter Karlheinz Münzer.  Er bezeichnete den Angeklagten als „gefährlich“.

Für manche Prozessbeobachter mag die Erklärung wie Hohn geklungen haben, angesichts des unfassbaren Verbrechens, das der Kroate begangen hat, und angesichts seines Verhaltens im Verfahren. Zwar hat er nach über zwei Monaten sein Schweigen gebrochen und Ende Mai ein Geständnis abgelegt. Doch von Reue oder Empathie sei nichts zu spüren gewesen, sagte Münzer.

Er zeichnete das Bild eines Mannes, der Frauen als seinen Besitz versteht und nicht akzeptiert, verlassen zu werden. „Einen Drazen D. verlässt man nicht. Wenn überhaupt, dann ist er es, der sich trennt.“ So sei es schon in seiner Ehe mit Vera zu gewalttätigen Übergriffen gekommen. „Die Ehe war ein Martyrium.“

Doch die Frau schaffte es, sich von ihm zu lösen, obwohl sie massiv von ihm bedroht worden war. Er ließ erst von ihr ab, als Jekaterina B. in sein Leben trat und mit ihm eine Beziehung einging. „Dadurch löste sich seine Fixierung auf Vera“, sagte Münzer. Sie verlagerte sich auf Jekaterina. Auch sie schlug, misshandelte und bedrohte er. Trotzdem bekam  sie 2011 von ihm einen Sohn, Dario.

Drazen D. hatte Alkohol- und Drogenprobleme, durchlief mehrere Therapien, brach manche ab, blieb gewalttätig. Das lag nach Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen unter anderem an einer Persönlichkeitsstörung, die seine Schuldfähigkeit jedoch nicht einschränkte.

Nach mehreren Phasen der Trennung und Versöhnung wollte Jekaterina Anfang 2017 einen Schlussstrich ziehen und zog mit Dario aus der gemeinsamen Wohnung aus. Tief gekränkt und gedemütigt fing Drazen D. an, Rachepläne zu schmieden. Er bekam die neue Adresse seiner Ex heraus, kundschaftete Wohnung und Umgebung aus, besorgte sich eine Waffe und bedrohte Jekaterina immer wieder massiv. Die suchte bei der Polizei und bei Behörden Hilfe. Im April 2017 beschloss das Amtsgericht Tuttlingen ein Annäherungsverbot, das Drazen D. ignorierte. Während des Prozesses stellte sich daher immer wieder die Frage, ob das Verbrechen hätte verhindert werden können, wenn zum Beispiel das Annäherungsverbot besser kontrolliert worden wäre. Aus Polizeikreisen ist dazu zu erfahren, dass angesichts der Fülle der Annäherungsverbote, die die Gerichte verhängen, eine Kontrolle unmöglich sei.

Schutz durch Ansprache?

Die Polizei habe durchaus die Möglichkeit, präventiv tätig zu werden, sagte gestern Wido Fischer, der als Nebenkläger-Vertreter Jekaterina B. vor Gericht vertrat. Zum Beispiel durch die Gefährder-Ansprache, bei der der  „Gefährder“ von Polizisten persönlich aufgeklärt wird, welche Folgen es haben kann, das Annäherungsverbot zu ignorieren.

„Ein Annäherungsverbot kann faktisch nie eine Hürde bilden für die Begehung einer Strafttat“, sagte Benjamin Waldmüller, der als Nebenkläger-Vertreter für den Ehemann der getöteten Cousine am Prozess teilnahm. Sei jemand bereit zu töten, halte ihn ein Annäherungsverbot nicht davon ab. Das könnten nur Zeugenschutzprogramm oder Personenschutz. Er macht der Polizei durchaus den Vorwurf, zu wenig getan zu haben. „Es hätte mehr passieren müssen.“ Ob das Verbrechen dadurch hätte verhindert  werden können, bleibt ungewiss.

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