Tödliche Hundeattacke Kangalprozess: Haft auf Bewährung - Witwer kann mit Urteil leben

Kangalprozess in Sigmaringen.
Kangalprozess in Sigmaringen. © Foto: Larisa Schwedes/dpa
Sigmaringen / Petra Wahlheim 10.07.2018
Am Dienstag ist das Urteil nach der tödlichen Hundeattacke gefallen - Haft auf Bewährung.

„Mit dem Urteil kann ich gut leben.“ Wolfgang H., der Witwer aus Frohnstetten (Kreis Sigmaringen), dessen Frau Ende Mai 2017 von einem Kangal getötet worden ist, zeigte sich am Dienstag im Amtsgericht Sigmaringen nach der Urteilsverkündung einigermaßen zufrieden.

Bewährung

Die beiden Angeklagten, die für die tödliche Hundeattacke verantwortlich gemacht werden, wurden am Dienstag wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Die Strafe für Gerd S. beträgt zwei Jahre, die für Erika S. ein Jahr und sechs Monate. Die Bewährungszeit läuft über drei Jahre. Außerdem ist beiden verboten, künftig Hunde zu halten, die schwerer sind als 20 Kilogramm, und beide müssen 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Der Verteidiger von Erika S. kündigte am Dienstag an, gegen das Urteil für seine Mandantin in Berufung zu gehen.

Der Vorsitzende Richter Jürgen Dorner folgte mit dem Urteil nicht der Forderung des Verteidigers von Erika S., der auf Freispruch plädiert hatte. Auch der Verteidiger von Gerd S., hatte eine deutlich geringere Strafe gefordert. Dorner folgte weitgehend dem Antrag von Staatsanwalt Jens Gruhl. Der wollte zusätzlich noch, dass beide Angeklagten jeweils 2000 Euro an den Witwer zahlen.

Richter Dorner sagte in seiner Urteilsbegründung, beide Angeklagten hätten in „schwerwiegender Weise“ gegen fast alle Vorschriften der Hundehaltung verstoßen oder diese „in grober Weise“ missachtet. Er bezeichnete das Vorgehen der Beiden als „eine abenteuerliche Hundehaltung“.

Haltung

Der Kangal sei auf einem viel zu kleinen Grundstück gehalten worden, habe keinen Unterstand gehabt, der Zaun um das Grundstück sei viel zu niedrig gewesen und das Hundehalsband, mit dem der große Hunde angekettet gewesen war, sei rissig gewesen und deshalb gerissen, als die 72-jährige Frau am Abend des 30. Mai 2017 auf ihrem Abendspaziergang an dem Grundstück vorbeigekommen sei.

Was war geschehen?

Die Frau wollte sich nach anstrengender Gartenarbeit auf einem kleinen Rundgang erholen. Als sie gegen 20 Uhr an dem alten, verwahrlosten Haus vorbeiging, wurde sie von dem Kangal zunächst verbellt. Der große, schwere Hund legte sich mit seinem ganzen Gewicht in die Kette, und das Halsband riss. Der Hund sprang über den Zaun, fiel die Frau an und verletzte sie so schwer, dass sie kurz danach starb.

Erika S., die den Kangal von ihrem Ex-Mann Gerd S. übernommen und auf ihrem Grundstück in Frohnstetten, einem Ortsteil von Stetten am kalten Markt, übergangsweise untergebracht hatte, hätte wissen müssen, dass das nicht gut geht, sagte Richter Dorner. „Es war absehbar, dass das eine dramatische Entwicklung nehmen würde“, sagte er am Dienstag. „Die Umstände waren für beide erkennbar.“ Doch sie hätten nicht reagiert.

Weitere Tiere

Auf dem Grundstück und im Haus von Erika S. lebten neben dem Kangal, der die Frau angefallen hatte, ein zweiter Kangal, ein kleinerer Mischlingshund sowie 20 Katzen. Nachdem der Hund die Frau angefallen hatte, hatten die Rettungskräfte große Mühe, an die schwer verletzte Frau heranzukommen, weil der Hund nicht von ihr abließ. Alle drei Hunde wurden daraufhin erschossen.

Tiere sich selbst überlassen

Erika S. war zu dem Zeitpunkt nicht zuhause. Sie hatte Haus und Tiere bereits frühmorgens verlassen und die Tiere sich selbst überlassen. Als sie kurz vor Mitternacht zurückkehrte, stand sie nach Aussage eines Kripobeamten, der als Zeuge vernommen worden ist, deutlich unter Alkoholeinfluss.

Wolfgang H., der Ehemann der getöteten Frau, hat von dem Unglück schon kurz nach der Hundeattacke erfahren. Er leidet bis heute unter dem Verlust seiner Frau. „Ich vermisse sie sehr.“ Außerdem fühlt er sich von dem schrecklichen Erlebnis traumatisiert und beklagt, keinerlei Hilfe bekommen zu haben, weder finanzielle noch psychologische.

Seine Anfrage auf Unterstützung beim Weißen Ring, einer Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, sei mit der Antwort beschieden worden, er könne keine Hilfe bekommen, weil ein Hund seine Frau getötet habe. Wäre sie durch einen Menschen zu Tode gekommen, hätte der Weiße Ring ihn unterstützen können.

Mit der Arbeit des Gerichts ist Wolfgang H. zufrieden. „Das Gericht hat versucht, der Sache gerecht zu werden.“ Die Plädoyers der Verteidiger seien für ihn „nur schwer zu ertragen gewesen“. Von der Angeklagten Erika S. habe er sich „eine kleine menschliche Regung“ erwartet, zumal er sie direkt angesprochen habe. „Sie hat mich noch nicht einmal angeschaut.“ Gerd S. dagegen entschuldigte sich nach den Plädoyers erneut bei Wolfgang H. und brach in Tränen aus.

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