Schwäbisch Hall / Elisabeth Zoll  Uhr
Erhard Eppler und Robert Antretter schauen mit Sorge auf ihre Partei SPD. Mit einem Gesprächskreis versuchen sie, neue Akzente in der Außenpolitik zu setzen.

Zwei Männer, zwei Wegbegleiter, zwei Freunde: Erhard Eppler (92) und Robert Antretter (80) verbindet viel, auch ihr jahrzehntelanges Engagement für die SPD: Zusammen initiieren sie heute im Gesprächskreis „Frieden 2.0“ außenpolitische Diskussionen. Die Turbulenzen ihrer Partei lassen die ergrauten SPD-Kämpen jedoch nicht unberührt.

„Das ist unterhalb dessen, was ich mir vorstellen konnte“, sagt Erhard Eppler bei einem Gespräch in Schwäbisch Hall. Vom Garten dringt munteres Vogelgezwitscher in das Wohnzimmer. Aus einer Vase duften prächtige gelbe Rosen. Ein friedlicher Sommertag in der schwäbischen Provinz. Er steht im harten Kontrast zu den Kontroversen, die in Berlin die Bundes-SPD erschüttern. Eppler ist der SPD seit 70 Jahren verbunden. Dass die bisherige Partei- und Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles von der Fraktion „abgewürgt“ werden könnte, lag nicht in seiner Vorstellung, trotz mancher Schwächen, die auch Eppler bei der Sozialdemokratin sah. Die Partei könne auf eine Kraft wie Andrea Nahles nicht verzichten, meint Eppler und fügt an: „Die Geschichte der Andrea Nahles ist noch nicht zu Ende, auch wenn es jetzt so aussieht.“

Persönliche politische Profilierung vor Geist des Miteinanders

Erhard Eppler setzt seine Worte mit Bedacht. Stürme in der SPD hat er selbst genug erlebt. Er erinnert an die 70er und 80er Jahre, als mit Willy Brandt (SPD-Chef und Kanzler), Herbert Wehner (Fraktionsvorsitzender) und Helmut Schmidt (Fraktionschef und späterer Kanzler) drei starke Charaktere die SPD prägten. „Für jeden war erkennbar, dass es zwischen ihnen mehr Konflikt als Zustimmung gibt.“ Und doch hätten sie zusammengearbeitet. „Sie waren davon überzeugt, dass die Partei alle Drei braucht.“ Dieser Geist des Miteinanders zugunsten der Sache werde heute zurückgedrängt vom Wunsch der persönlichen politischen Profilierung. Und auch die  „Toleranz gegenüber schwierigen Leuten, die der Partei helfen können“, habe nachgelassen. Heute gelte zu oft nur:  Du oder ich.

Widerspruch hat der Vertreter des linken Parteiflügels häufiger erfahren. Vor allem als Umwelt- und Friedensaktivist. „Ich galt als Ökologe der Partei“. Das machte ihn in den Augen mancher Genossen zu einem „Spinner“. Gegenüber dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Gerhard Schröder warb Eppler um die Jahrtausendwende für eine langfristige Partnerschaft mit den Grünen – und erntete eine brüske Abfuhr. „Wenn man diese Zukunftsvision aufgegriffen hätte, stünde die SPD heute an einer anderen Stelle.“

Möglicherweise auch was die außenpolitische Positionierung der SPD betrifft. Eppler, der in den 80er Jahren eine der prominentesten Personen der Friedensbewegung war, erzählt von seiner Prägung als Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg. Je länger der Abstand zu diesem Geschehen werde, desto größer würden die Gefährdungen, die mit dem Vergessen einhergehen. Krieg scheint heute wieder denkbar. Der Politik fehle der Ansatz für eine „unmissverständliche Friedenspolitik“. Und die ist in den Augen Epplers ohne Russland nicht möglich. Schon gar nicht unter dem derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump, der Europa mit allen Mitteln zu schwächen versuche.

„Frieden 2.0“ beschäftigt sich mit aktuellen Fragen der Außenpolitik

Deshalb hat Eppler zusammen mit seinem politischen Weggefährten Robert Antretter Anfang des Jahres den Gesprächskreis „Frieden 2.0“ ins Leben gerufen. In interessierter Runde, zu der auch der frühere Russlandbeauftragte der Regierung Gernot Erler, Ex-Außenminister Sigmar Gabriel, Herta Däubler-Gmelin, Matthias Platzeck und Ernst-Ulrich von Weizsäcker gehören, werden aktuelle Fragen der Außenpolitik diskutiert. „Das, was Deutschland derzeit außenpolitisch biete, „entspricht nicht dem Gewicht unseres Landes“, sagt Eppler.

Eppler und Antretter wünschen sich ein Umdenken in der Ukraine-Politik. Um russische Befindlichkeiten habe sich Deutschland viel zu wenig gekümmert. Dass es in der Ukraine nicht voran gehe, liege nicht nur an Moskau. Die Ukraine zeige sich als handlungsunfähiger Staat. Rechte Milizen kochten im Osten des Landes ihr eigenes Süppchen. Sein Eindruck sei, dass die Bundeskanzlerin wisse, dass mit dem Minsker Abkommen nichts mehr zu erreichen ist.

Nun wollen die Altvorderen für neue Ideen werben. Sorgen, dass diese nicht gehört werden, haben sie nicht. „Wir sind gut vernetzt“, sagt Robert Antretter. „Bis an die Spitzen“.

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Zu den Personen

Erhard Eppler ist ein Urgewächs der SPD. Er wirkte als Entwicklungsminister, war SPD-Vorsitzender im Land und Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission. Nach dem Rückzug aus der Bundespolitik widmete er sich der Arbeit in der Evangelischen Kirche Deutschlands und war eine der prominentesten Personen der Friedensbewegung.

Robert Antretter war 18 Jahre lang SPD-Abgeordneter im Bundestag und sechs Jahre lang Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. Er engagierte sich im Zentralkomitee deutscher Katholiken und als Vorsitzender der Bundesvereinigung Lebenshilfe.