Freiburg Missbrauchsfall in Staufen: Lange Haft für Mutter und Lebensgefährten

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Freiburg / Petra Walheim 07.08.2018
Über Jahre wurde ein kleiner Junge in Staufen bei Freiburg missbraucht – von der eigenen Mutter, aber auch von Fremden, an die sie ihn verkaufte.

Wieder machte sich im Gerichtssaal des Landgerichts Freiburg Fassungslosigkeit breit, als der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin in seiner Urteilsbegründung die Taten noch einmal detailliert ausführte. Er fasste das ungeheuerliche Martyrium des zur Tatzeit achtjährigen Luca (Name geändert) zusammen, und in dieser Dichte war die Schilderung dessen, was Christian L. (39) und die Mutter des Jungen, Berrin T. (48), Luca über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren angetan hatten, kaum zu ertragen. Sie hatten das Kind im Internet für Vergewaltigungen, sexuellen Missbrauch und Misshandlungen wie eine Ware angeboten und sich immer wieder selbst an dem Jungen vergangen.

Schmerzensgeld für das Opfer

Christian L. , den der Richter als „Initiator des Gesamtsystems“ bezeichnete, wurde unter anderen wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in 21 Fällen zu zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Gegen die Mutter des Kindes, Berrin T. , wurde eine Haftstrafe von zwölf Jahren und sechs Monaten ausgesprochen. Die Jugendkammer des Landgerichts befand sie unter anderem des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in 19 Fällen für schuldig. Die Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung lagen bei ihr nach Aussage des Gerichts nicht vor. Außerdem müssen beide an die Opfer des sexuellen Missbrauchs Schmerzensgeld zahlen: an ein zur Tatzeit dreijähriges Mädchen 12.500 Euro, an Luca (Name geändert) 30.000 Euro.

Kinder psychisch geschädigt

Luca sei durch den Missbrauch „nachhaltig psychisch belastet“, sagte der Richter. Bis heute leide er unter Schlafproblemen. Ob und was sich an weiteren psychischen Störungen zeige, müsse abgewartet werden. Der Junge lebt in einer Pflegefamilie. Das Mädchen, das von Christian L. missbraucht worden ist, habe im Kindergarten ein „sexualisiertes Verhalten“ gezeigt, sei also ebenfalls psychisch geschädigt.

Der Richter warf Berrin T. besonders vor, ihrem Sohn ganz bewusst „erhebliche Schmerzen“ zugefügt zu haben und trotz seiner Schmerzensschreie und seines Weinens nicht damit aufgehört zu haben. Mit den Worten „Halt den Mund“ habe sie ihn zurecht gewiesen. „Deshalb haben sie die höchste Strafe aller Einzeltäter bekommen“, sagte Bürgelin. Sie sei Teil des Systems gewesen.

Lebensgefährte vorbestraft

Als sich Christian L. und Berrin T. Ende 2014 in der „Tafel“ kennenlernten, nahm die Katastrophe ihren Lauf. Christian L. hatte zuvor von 2010 an eine vierjährige Haftstrafe wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern abgesessen. Er war aus der Haft entlassen worden mit der Auflage, sich Kindern alleine nicht zu nähern. Außerdem stand er unter Führungsaufsicht. Trotzdem freundete er sich mit Berrin T. an, wohl wissend, dass sie einen kleinen Jungen hat. Doch an dem zeigte er zunächst kein Interesse, sondern bat Berrin T., ihm ein Mädchen zu beschaffen, das er missbrauchen könne.

Berrin T. tat wie ihr geheißen wurde, und Christian L. verging sich mehrfach an der dreijährigen Sonja (Name geändert), die nach Schilderung des Richters sowohl geistig als auch motorisch eingeschränkt war. „Die vier Jahre Haft haben ihn nicht abgeschreckt“, sagte Bürgelin. Schon nach kurzer Zeit habe er wieder damit angefangen, Kinder zu missbrauchen. Es dauerte auch nicht lange, bis er gegenüber Berrin T. Interesse an deren Sohn äußerte. Doch statt ihn zu schützen, habe sie ihrem Lebensgefährten Luca überlassen. Bürgelin begründete das Verhalten mit der emotionalen Abhängigkeit der Frau von Christian L. Sie habe die Beziehung unter allen Umständen aufrecht erhalten wollen und habe dafür alles getan, was verlangt wurde.

Jungen im Darknet angeboten

Im Februar 2015 begann Christian L. den Jungen – mit dem Einverständnis der Mutter – zu missbrauchen. Obwohl es ihm verboten war, zog er in die Wohnung von Berrin und Luca ein. Im Frühjahr 2015 begann er, Luca im Darknet, einem anonymen und illegalen Bereich des Internets, Pädophilen für Vergewaltigungen und Missbrauch gegen Geld anzubieten. Mehrere Treffen wurden organisiert, bei denen sich die Männer an dem Jungen massiv vergingen. „Der Junge hatten zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, sich den Misshandlungen zu entziehen“, sagte Bürgelin. Fast immer sei die Mutter dabei gewesen, entweder aktiv oder im Hintergrund, „um auf den Jungen beruhigend einzuwirken“, damit die Treffen mit den Freiern wunschgemäß abliefen.

Alle Vergewaltigungen und jeder Missbrauch wurden gefilmt und im darknet verbreitet. „Da sind Videos in technisch sehr guter Qualität entstanden, in denen Details zu sehen sind, die man gar nicht sehen will“, sagte Bürgelin.

Haben Behörden versagt?

Als Anfang 2017 bekannt wurde, dass Christian L. Kontakt zu Berrin T. und dessen Sohn hat, wurde Luca von März bis April aus der Familie genommen und in einer Pflegefamilie untergebracht. Nur weil die Mutter sich beim Jugendamt und im Familiengericht vehement für die Rückkehr ihres Sohnes einsetzte und offenbar glaubhaft versicherte, sie würde ihren Sohn vor sexuellen Übergriffen schützen, willigten die Behörden ein. Ein Fehler, wie sich herausstellte. Kaum sei Luca wieder zuhause gewesen, seien die Treffen mit Freiern fortgesetzt worden. „Von da an nahmen die Übergriffe an Heftigkeit zu“, sagte der Richter. Berrin T. habe alle getäuscht.

Erst als sich ein anonymer Hinweisgeber im September 2017 bei der Polizei meldete und ein Treffen mit Christian L. und Luca arrangiert wurde, flog der Handel mit dem Jungen auf. Berrin T. und Christian L. wurden festgenommen, Luca kam erneut in staatliche Obhut. Mit Hilfe der Aussagen von Christian L. konnten die Freier ausfindig gemacht und festgenommen werden. Ihnen wurde der Prozess gemacht, alle wurden zu langen Haftstrafen, meist mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Die Ermittlungen im Missbrauchsfall Staufen sind damit nach Auskunft des Freiburger Kripochefs Peter Egetemaier abgeschlossen. Weiter ermittelt werde lediglich, was die Verbindungen von Christian L. zu potenziellen Freiern im Netz angeht. „Wir suchen immer noch das Tötungs-Video“, sagt Egetemaier. Christian L. habe der Kripo von dem Video erzählt, in dem zwei Männer ein Kind missbrauchen und dann töten. Bislang sei es nicht gefunden worden.

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