Petra Horter liebt es, Geschichten zu erzählen. 1959 in Malsch bei Karlsruhe geboren, rezitierte sie schon als Kind gerne Gedichte: „Dann hörten die Leute mir endlich mal zu, ob sie wollten oder nicht“, sagt sie augenzwinkernd in ihrer bücherreichen Wohnung in Leutenbach nahe Stuttgart. Seit 2005 ist die ausgebildete Chemisch-technische Assistentin Mitglied der Gilde empfehlenswerter Erzähler in der Europäischen Märchengesellschaft. Ob in Kindergärten, Schulen oder wie Anfang Dezember in einem Gartencenter in Fellbach, seit Jahrzehnten trägt sie mit ihrer warmen Stimme frei Märchen aus aller Welt vor wie auch manche Sage aus dem Südwesten.

Frau Horter, was ist für Sie der
Unterschied zwischen Sagen und Märchen?

Petra Horter: Im klassischen Zaubermärchen geschieht immer etwas, was gegen die physikalischen Gesetze verstößt. Sagen sind da häufiger realistischer. Sie spielen an konkreten Orten und die Personen haben auch öfter Namen als in Märchen.

Reagieren Ihre Zuhörer anders auf Sagen als auf Märchen?

Mir kommt es so vor, als ob Kinder wie Erwachsene nach dem Hören von Märchen entspannter sind als nach Sagen. Vielleicht, weil Märchen Hörer eben stets auf eine Phantasiereise schicken. Die stärkere Verankerung von Sagen in der Realität hat dafür den Vorteil, dass Kinder das Erzählte mit konkreten Orten oder Dingen verbinden können. Die essen dann eine Brezel zum Beispiel ganz anders, wenn sie die Sage von der Erfindung der Brezel in Bad Urach gehört haben. Ging mir übrigens auch so, als ich die Sage gelesen und beschlossen habe, sie für mein Repertoire in eine Erzählform zu bringen (lacht).

„In eine Erzählform bringen“ – was heißt das?

Viele Sagen sind sehr einfach geschrieben. Da nehme ich mir die Freiheit heraus, sie ein wenig zu verändern, damit die Geschichte lebendiger wirkt.

Wie machen Sie das?

Indem ich zum Beispiel mehr direkte Rede einfüge. Sagen wir im Original steht „Der Riese ging zum Bauern und nahm die Heugabel“, dann sage ich: „Der Riese ging zum Bauern und sagte (ihre Stimme wird auf einen Schlag tiefer, strikt und etwas gehässig): ,Bauer, Deine Heugabel, die gehört jetzt mir.‘“

Wie sind Sie überhaupt zum Erzählen gekommen?

Ich habe schon als Kind gerne Gedichte auswendig gelernt und vorgetragen. Die Initialzündung waren aber meine beiden Töchter. Mir hat es unglaublich viel Spaß gemacht, denen Kindergeschichten und Märchen zu erzählen. Und das war dann auch genau die Zeit, Anfang der 90er, als ich im Stuttgarter Forum 3 auf einem Flyer des Stuttgarter Märchenkreises ausgerutscht bin. Da hätte ich fast auf dem Boden gelegen (lacht). Und den hab‘ mir dann durchgelesen und gleich mitgemacht – zehn Jahre lang als Vorsitzende.

Seit diesem Ausrutscher haben Sie viele Male Märchen und Sagen vorgetragen. Haben Sie Tipps für Eltern, die sich nicht so trauen, ihren
Kindern Geschichten zu erzählen?

Meine Erfahrung als Mutter und Erzählerin ist, dass die Kinder danach lechzen, Geschichten von den Eltern zu hören, und dass es völlig egal ist, ob man da mal einen Aussetzer hat und sich verspricht. Die finden das einfach toll, wenn der Papa oder die Mama Zeit nur für sie reservieren.

Welche Art von Märchen oder Sagen würden Sie für welches Alter auswählen?

Wenn die Sprachentwicklung gerade einsetzt, dann sind erst mal Fingerspiele dran, etwa: „Fünf Finger sitzen dicht an dicht (sie hält eine Hand hoch), sie wärmen sich und frieren nicht, da sagt der erste…“ – und so weiter. Danach folgen die Kettenmärchen mit vielen Wiederholungen und Reimen, zum Beispiel: „Ich bin der Bock Zottelrock, in diesem Haus, da bleibe ich, kommst Du herein, dann fresse ich Dich.“ Das sagt Zottelrock dann im Lauf der Geschichte immer wieder. Mit drei, vier Jahren können sie dann kurze Märchen hören wie „Der süße Brei“ und die längeren Grimm-Klassiker dann so ab dem fünften Lebensjahr.

Und Sagen?

Die sind – wie auch griechische Mythen – eher was für ältere Kinder, so ab 10 Jahre aufwärts.

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