Felicitas Rohrer ist 34 Jahre jung und wirkt am Telefon wie eine fröhliche, optimistische Frau. Trotz allem. Sie wollte Tierärztin werden, hatte ihr Studium abgeschlossen, als im Juni 2009 eine beidseitige Lungenembolie, ein Kreislaufzusammenbruch mit Herzstillstand ihre Lebensplanung zunichte machten. Die Ursachenforschung führte sie und ihre Ärzte zur Antibaby-Pille „Yasminelle“ von Bayer. Sie hat den Pharmakonzern auf 200.000 Euro Schadenersatz und Schmerzensgeld verklagt. Als erste Frau bundesweit. Der Zivilprozess hatte im Dezember 2015 im Landgericht Waldshut-Tiengen begonnen. Am Donnerstag wird er fortgesetzt.

In diesen fast drei Jahren Verhandlungspause wurde im Hintergrund gearbeitet. Am ersten Verhandlungstag 2015 hatte das Gericht verlangt, dass Sachverständige bestellt werden. Die sollten untersuchen, ob die Antibaby-Pille „Yasminelle“ mit dem Wirkstoff Drospirenon dafür verantwortlich sein kann, dass Felicitas Rohrer am 11. Juni 2009 rund 20 Minuten lang klinisch tot war. „Allein die Suche nach Sachverständigen, mit denen beide Seiten einverstanden waren, dauerte Monate“, sagt Felicitas Rohrer.

„Schlacht der Worte“

Nun ist das internistisch-angiologische Gutachten fertig. Ein Sachverständiger wird es heute, dem zweiten Tag der mündlichen Verhandlung, erläutern. Über den Inhalt des Expertenstücks darf Felicitas Rohrer auf Anweisung ihres Anwalts nichts sagen. Ärzte haben das Gutachten erstellt, nicht Juristen. Deshalb erwartet die Klägerin im Gericht eine „Schlacht der Worte“. „Die Juristen werden sich auf die Aussagen der Ärzte stürzen und sie auseinander nehmen.“

Der jungen Frau geht es nicht so sehr ums Geld, sondern mehr darum, andere Frauen vor der Erfahrung zu schützen, die sie machen musste und die ihr Leben nachhaltig veränderte. „Ich werde nie mehr ganz gesund werden.“

Traum von eigener Familie zerstört

Im Oktober 2008 hatte Felicitas Rohrer begonnen,  „Yasminelle“  einzunehmen. Der Wirkstoff Drospirenon steht im Verdacht, ein erhöhtes Thrombose-Risiko zu bergen. Sie war eine sportliche, normal gewichtige, gesunde junge Frau von 24 Jahren. Sie rauchte nicht, ernährte sich vegetarisch. Acht Monate später hatte sie eine Thrombose im linken Bein und eine doppelte Lungenembolie mit der Folge, dass Atem und Herz still standen. Ihr Leben konnte nur gerettet werden, weil ihr in der Uniklinik Freiburg ein Arzt in einer Notoperation den Brustkorb öffnete. Seitdem leidet sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung und ist für den Rest ihres Lebens Thrombose-Risikopatientin, muss blutverdünnende Medikamente einnehmen. Das hat zur Folge, dass sie nicht schwanger werden sollte. Damit ist auch ihr Traum von einer eigenen Familie zerstört.

Das Pharma-Unternehmen Bayer bestreitet, dass „Yasminelle“ der Grund für Thrombose und Embolie war und weist alle Forderungen zurück. Dabei ist Felicitas Rohrer nicht die einzige Frau, die nach der Einnahme von „Yasminelle“ fast an einer Thrombose gestorben ist. Auch Lisa Wenzel aus Bonndorf (Kreis Waldshut) hat 2009 eine Thrombose erlitten, nachdem sie einige Jahre „Yasmin“ (Wirkstoff: Drospirenon), eingenommen hatte. Auch sie konnte nur mit einer mehrstündigen Operation gerettet werden.

USA: Zwei Milliarden Dollar für Geschädigte

In den USA hat Bayer an mehrere tausend „Yasminelle“-geschädigte Frauen knapp zwei Milliarden Dollar gezahlt. Die Frauen hatten den Konzern zuvor verklagt. Das Geld floss als Vergleichszahlungen, also ohne dass Urteile gefällt worden wären. Für Felicitas Rohrer war das „Schweigegeld“. Das kommt für sie nicht in Frage. Sie möchte unter allen Umständen diesen Prozess als Präzedenzfall durchziehen. Auch, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die  ihrer Ansicht nach von Verhütungsmitteln mit dem Wirkstoff Drospirenon ausgehen.

„Yasminelle“ ist bis heute auf dem Markt. Es wird aber nach Auskunft von Susanna Kramarz, Sprecherin des Berufsverbands der Frauenärzte, nur noch selten verschrieben. Eine aktuelle Auswertung der AOK habe gezeigt, dass der Anteil Drospirenon-haltiger Pillen bei jungen Frauen bis 20 Jahre im Jahr 2017 nur noch bei sieben Prozent aller verordneten Pillen lag. „Der Anteil von Pillen mit dem älteren, risiko-ärmeren Levonorgestrel ist von 31 auf 45 Prozent gestiegen“, sagt sie.

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Milliarden-Zahlungen in den USA


Felicitas Rohrer hat viele Mitstreiterinnen. Auf der Seite „risiko-pille.de“ berichten Thrombose-geschädigte Frauen über ihre Erfahrungen.

Für Bayer ist die „Yaz“-Familie ein Umsatzbringer. Die Verhütungsmittel werden laut Bayer. millionenfach in mehr als 100 Ländern eingenommen. In den USA hatten tausende Frauen den Konzern verklagt, er bezahlte insgesamt 1,9 Milliarden US-Dollar in Vergleichen. In Deutschland waren alle Klagen bisher erfolglos. eb/dpa