Am Oberrhein sind die Raupen des Eichen-Prozessionsspinners schon weit entwickelt, sie kommen nach Angaben der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg (FVA) gerade ins dritte ihrer sechs Larvenstadien. Im Stuttgarter Umland oder auf der Alb, wo es weniger warm ist, brauchen sie dagegen noch Zeit. Da dauert es noch, bis es rund um Eichen mit Nestern des Prozessionsspinners ungemütlich wird: Der Falter-Nachwuchs bekommt seine mit Widerhaken ausgestatteten Gifthaare im dritten Larvenstadium.

Die weißen Brennhaare, die leicht abbrechen und vom Wind weit verteilt werden können, verursachen  Hautausschläge, manchmal mit Quaddeln überall, dazu Reizungen an Mund- und Nasenschleimhaut. Bronchitis, Husten und Asthma drohen beim Einatmen der winzigkleinen Härchen. Schwindel, Fieber, Bindehautentzündung können Symptome sein. Allergische Schockreaktionen sind möglich, so das Landesgesundheitsamt.

Im vergangenen Jahr mussten wegen der Raupen zwei Schulen geräumt werden

Im  Mai 2019 mussten in Bretten bei Karlsruhe wegen Raupen in der Nähe zwei Schulen geräumt werden. Die Rettungskräfte versorgten beim Großeinsatz Dutzende Kinder wegen allergischer Reaktionen.

Fast im ganzen Südwesten werden bald bald wieder Warnschilder und Absperrbänder rund um befallene Eichen hängen. Stehen die Bäume nah an Wegen, muss oft abgesperrt werden, solange die Raupen in Massen an den Ästen hängen. Kommunen und Forstämter warnen Spaziergänger und Freizeitsportler, sie sollen einen großen Bogen machen. Bis Ende Juli, Anfang August geht das so, bis zur Verpuppung in Kokons, dicht an dicht im Gespinstnest.

Mit Absauger und Lockstofffallen gegen die Raupen

Bei Befall in der Nähe von Siedlungen oder in stark genutzten Parks rücken Schädlingsbekämpfer an.  Sie saugen Raupen und Nester ab. Auch der Einsatz von Bioziden ist möglich, aber nur vorbeugend. Haben die Raupen ihre Gifthaare gebildet, ist das Spritzen nicht mehr sinnvoll. Kommunen hängen auch Lockstoff-Fallen auf.

Genaue Zahlen zu Jahr für Jahr nötigen Absperrungen und Einsätzen gibt es nicht. Auch nicht über die Anzahl der Betroffenen, die durch Kontakt mit den Brennhaaren der Raupen zum Arzt müssen. „Es besteht diesbezüglich keine Meldepflicht gegenüber den Gesundheitsämtern“, so das Landesgesundheitsamt im Regierungspräsidium Stuttgart. „Deshalb liegen uns auch  keine Zahlen hierzu vor.“

Video Berlin kämpft gegen den Eichenprozessionsspinner

Eichenprozessionsspinner kommt viel öfter vor als früher

Klar ist aber, dass der Prozessionsspinner in Baden-Württemberg seit Mitte der 90er Jahre „weitaus präsenter ist als zuvor“, so die FVA. Seit 2005 hat er sich zum „dauerhaft etablierten Schadorganismus“ entwickelt, der inzwischen „nahezu alle Regionen mit nennenswerten Eichenbeständen“ betreffe.

Bei den gemeldeten Befallsflächen im Forst traf es 2019  die Landkreise Reutlingen, Heidenheim, Ostalb, Schwäbisch Hall und Heilbronn am stärksten. Die Schwerpunkte wechselten aber räumlich und zeitlich, sagen die Fachleute der FVA.

Die Raupen dürften in den kommenden Jahren noch stärker in Erscheinung treten: „Steigende Befallsflächen und Populationsdichten sowie die Witterung in den letzten Jahren deuten auf gegenwärtig günstige Entwicklungsbedingungen hin“, so die FVA. Wobei ein milder Winter Bestände auch dezimieren kann: Wenn die Raupen vor dem Austrieb de Eichen schlüpfen, verhungern sie.

Der Eichenprozessionsspinner ist nicht nur eine Gefahr für Menschen und Tiere, sondern auch für die Eichen selbst: Wiederholter Kahlfraß schwächt Bäume so, dass Sekundär-Schaderreger wie der Zweipunktige Eichenprachtkäfer loslegen können. Die Bäume sterben ab.

Corona-Mundmaske im Wald auflassen? Das hilft kaum

Hilft Joggern und Spaziergängern vielleicht, die Mundmasken, die gerade fürs Einkaufen und Bahnfahren vorgeschrieben wurden, einfach auch im Wald aufzulassen? „Eine Alltagsmaske dient auch bei Corona-Viren vorrangig dem Zweck, das eigene Umfeld zu schützen und weniger dem Eigenschutz“, sagt das Landesgesundheitsamt. „Bei einem starken Befall mit Gifthaaren bietet ein Mundschutz entsprechend auch hier nur einen eingeschränkten Schutz, kann aber durchaus die Vermeidung von Reizungen an Mund- und Nasenschleimhaut durch das Einatmen von Brennhaaren unterstützen.“

Erwachsen sind die Falter ganz unscheinbar


Der „fertige“ Eichenprozessionsspinner (Thaumeteopoea processina) ist ein kleiner, unauffälliger Falter mit grauen Flügeln. Aus den im Sommer an den Ästen älterer Eichen abgelegten Eiern entwickeln sich Raupen, die im Ei überwintern. ImFrühjahr darauf schlüpft die Raupe. Bis zur Verpuppung macht sie fünf bis sechs Larvenstadien durch. Die Gifthaare mit Widerhaken bekommt sie ab dem dritten Stadium. Die feinen Härchen brechen leicht ab, können weit verweht werden und bleiben auch aus alten Nestern über Jahre gefährlich.

Prozessionsspinner heißen sie, weil sie in der Nacht in Gruppen auf Nahrungssuche losziehen.Sie vertilgen Eichenblätter, selten auch Buchen und Ahorn. Das geht bis zum Kahlfraß, so die Forstliche Versuchsanstalt Freiburg.  Bis zu den 1990er Jahren traf es nur einzelne Eichen in Parkanlagen oder an Waldrändern. Inzwischen kommt der Schädling praktisch  flächendeckend vor. aw