Überschwänglich feiern konnte Markus Herrera Torrez (30) seine Wahl zum Oberbürgermeister von Wertheim nicht. Der Sozialdemokrat aus Lauffen am Neckar ist vergrippt. Dabei hat er einen triumphalen Sieg errungen. Mit 63,6 Prozent deklassierte er den „Platzhirsch“ Wolfgang Stein (56).

Der SPD-Funktionär aus dem Kreis Heilbronn gewann fast alle Bezirke, seine Höchstwerte lagen über 80 Prozent. Stein holte nur im Stadtteil Dertingen, wo er wohnt, die Mehrheit. Die Wahlbeteiligung lag bei 57 Prozent.

Der frühere Juso-Landesvorsitzende und derzeitige persönliche Referent von IG-Metall-Landeschef Jörg Hofmann zeigte sich überrascht von der enormen Wertheimer Wertschätzung. Er habe durchaus mit einem Sieg gerechnet, „aber nicht in dieser Deutlichkeit“, sagte er der SÜDWEST PRESSE, „das ist jetzt eine große Verantwortung, die ich mit Demut annehmen werde“. Am 1. Mai tritt er die Nachfolge von Stefan Mikulicz (CDU) an.

Unklar ist die Zukunft für den Mitbewerber aus dem Rathaus. „Ich habe ihm die Hand gereicht“, sagte Herrera Torrez, „die Stadt braucht diese Zusammenarbeit.“

Der in Freudenstadt geborene Stein ist seit 20 Jahren Bürgermeister, zuletzt hatte er auch die Aufgaben des erkrankten Mikulicz übernommen. Dass sich damit nicht automatisch ein OB-Bonus ergeben hat, erinnert an die Wahl von 1981. Damals hatte der ortsfremde Kandidat der CDU, Stefan Gläser, sehr überraschend den seit 20 Jahren amtierenden Sozialdemokraten Karl Josef Scheuermann mit 56 Prozent besiegt. Er wolle „frischen Wind ins muffige Rathaus“ bringen, hatte Gläser forsch versprochen.

Jetzt verwies Herrera Torrez auf seinen „unverstellten Blick von außen“. Außerdem sei er „unabhängig von Einzelinteressen“. Während Kandidat Stein eher traditionellen Wahlkampf betrieb und in persönlichen Gesprächen seine Leistungen erläuterte, nutzte der junge Kontrahent alle modernen Möglichkeiten der Kommunikation.

Aber auch Herrera Torrez klingelte an den Türen. Oft sei er „mit ganz viel Herzlichkeit hereingebeten“ worden. Fleißig sammelte er Anregungen, die wohl auch als Kritik an der von Stein geführten Verwaltung verstanden werden dürfen. Auf eine Umfrage nach den wichtigsten Projekten habe er 300 Antworten erhalten. Mit 89 Prozent liege „eine Zukunftsidee für Wertheim“ vorn.

Die zweitgrößte Stadt des nordöstlichsten Kreises am Zusammenfluss von Tauber und Main hat rund 23 000 Einwohner. Überregionale Bekanntheit ist dem 2003 eröffneten „Wertheim Village“ zu verdanken, einem riesigen Schnäppchendorf. Während das weit außerhalb gelegene Outlet floriert, darben manche Geschäfte in der Altstadt.

 Für den neuen Oberbürgermeister ist alles Neuland, war er doch erstmals in der Stadt, als der Gemeinderat im November 2018 den Termin für die OB-Wahl festlegte. Allerdings stammt die Braut von Markus Herrera Torrez – er trägt den Namen seines bolivianischen Stiefvaters – aus der Gegend.