Baden-Württemberg Aussichtsplattformen: Die neue Lust am Turmbau

Herrenberg / Raimund Weible 12.06.2018
Da lohnt sich ein Trip: Vielerorts in Baden-Württemberg entstehen neue Aussichtsplattformen für Wanderer und Touristen.

Stellberg heißt die aufgeforstete Kuppe drei Kilometer nordöstlich von Herrenberg. Von der Spitze der ehemaligen Mülldeponie lässt es sich gut übers Land schauen. Um die Aussicht noch zu verbessern, haben Gutachter die mit 580 Metern zweithöchste Erhebung des Schönbuchs als Standort für einen Aussichtsturm empfohlen.

Der 35 Meter hohe Turm wurde am Wochenende feierlich eröffnet. Seine Form ist ungewöhnlich. Der Turm verbreitert sich nach oben, „er fächert sich auf wie ein Blumenstrauß“, sagt Siegfried Zenger, der im Landratsamt Böblingen das Ressort Regionalentwicklung leitet.

1,4 Millionen Euro kostet der Turm. Das Geld dafür bringen zur Hälfte die Stadt Herrenberg, der Landkreis und der Verband Region Stuttgart auf, die andere Hälfte private Sponsoren. Wer 1000 Euro beiträgt, kann seinen Namen auf einer der 348 Stufen verewigen. So kamen bisher 220.000 Euro zusammen. 

Aussichtstürme zu errichten, ist in Baden-Württemberg wieder en vogue. Getrost darf man von einer neuen Lust am Turmbau sprechen, Beispiele gibt es im Schwarzwald wie in Oberschwaben (siehe Infokasten).

Höchster Holzturm Deutschlands geplant

Der schwächelnde Kurort Schömberg im Kreis Calw strebt das ehrgeizigste Projekt an. Die Gemeinde will für 2,7 Millionen Euro den mit 50 Metern höchsten Holzturm Deutschlands errichten, um Leute in die Gegend zu locken. Außer Konkurrenz spielt der Thyssen-Turm in Rottweil mit, der zwar auch eine Aussichtsplattform besitzt, dessen Hauptzweck aber der Test von Aufzügen ist.

Dabei sind Aussichtstürme im Land alles andere als ein Novum: Weit mehr als 100 gibt es schon. Manche meinen, damit solle es genug sein. Besonders viele entstanden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Schwäbische Albverein überzog das Mittelgebirge, dem er seinen Namen verdankt, mit einer Vielzahl von Türmen. Ebenso aktiv war der Schwarzwaldverein. Traditionalisten und Monarchisten setzten trutzige Bastionen in die Landschaft, um dem Eisernen Kanzler Bismarck und Kaiser Wilhelm zu huldigen. Es ging nicht allein um die Aussicht, analysierte der Kulturwissenschaftler Friedemann Schmoll, sondern auch um die Ansicht. Der Anblick der patriotischen Zeigefinger sollte das Bewusstsein für die geeinte Nation schüren.

Heutigen Turmbauern geh es allein um das Naturerlebnis. Trotz der Weitblick-Konkurrenz durch Flugzeuge, Gleitschirme aus, Heißluftballons und Kletterseilgärten seien die Türme nicht obsolet, sagt Zenger – allein schon wegen des Preises. Das Eintrittsgeld ist selten höher als ein Euro, der Besuch des Schönbuchturms wird sogar gratis angeboten – der Verein bittet nur um eine Spende.

Nicht nur Zustimmung

Die Turmbauer haben oft auch Widerstände zu überwinden. In Schömberg sammelten die Gegner Unterschriften für ein Bürgerbegehren. In Freudenstadt soll ein Turm bei der Alexanderschanze in Kniebis entstehen. Nur mit viel Mühe konnte der Gemeinderat vom Projekt überzeugt werden. Beim Grundsatzbeschluss im Mai 2017 kam es zu einer Kampfabstimmung. 13 Räte waren dafür, zehn dagegen. „Die Hürde war nicht einfach zu nehmen“, sagt Rudolf Müller, der im Rathaus Freudenstadt das Amt für Stadtentwicklung leitet.

Und das Projekt kam langsamer auf den Weg als vorgesehen. Eigentlich sollte der Turm schon an Pfingsten dieses Jahres eröffnet werden, jetzt wird er nicht vor 2019 fertig. Noch befindet sich der Verein in Abstimmung mit den Behörden. Es wird eine Lösung für die Kreuzotter-Population gesucht, die auf der Baufläche siedelt. Außerdem muss sich der Verein mit dem Landesbetrieb Forst BW auf einen Flächentausch einigen. „Wenn wir alle diese Fragen geklärt haben, kriegen wir die Baugenehmigung“, zeigt sich Müller dennoch optimistisch.

„Beginn einer Perlenkette“

Zusammen mit dem geplanten Wildtierpark soll der Turm an der Alexanderschanze einen Akzent am südlichen Ende der Schwarzwaldhochstraße und am Rand des Nationalparks setzen. Dort entsteht auch eine Rangerstation des Nationalparks. „Der Turm wird der Beginn einer Perlenkette werden“, sagt Müller.

Er selbst hat sich auf die Spitze einer Feuerwehrleiter gewagt, um sich zu überzeugen, dass von dem 30 Meter hohen Turm ein prächtiger Rundumblick möglich ist. Dabei haben sich seine Erwartungen bestätigt. „Das wird eine Attraktion“, verspricht er.

Der Punkt, auf dem der Turm zu stehen kommt, liegt 970 Meter über dem Meer. Die Plattform selbst erreicht so das magische 1000-Meter-Niveau. Was bei gutem Wetter die Sicht auf die Vogesen, die Schwäbische Alb und sogar auf die Alpen erlaubt.

Wer hat (bisher) den höchsten?

38 Meter hoch ist der Bannwaldturm im Moorgebiet Pfrunger-Burgweiler Ried bei Ostrach (Kreis Sigmaringen), er wurde erbaut im Jahr 2016.

35 Meter zählt der neue Schönbuchturm bei Herrenberg (2018).

34 Meter hoch ist der Urenkopfturm bei Haslach im Kinzigtal (Ortenaukreis), erbaut 2014.

28 Meter hoch ist der Buchkopfturm am Westrand des Nordschwarzwalds bei Oppenau (Ortenaukreis), er wurde 2015 gebaut.

22 Meter misst immerhin der Turm auf der Schillerhöhe bei Bad Saulgau (Kreis Sigmaringen), Baujahr: 2016.

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