Ulm / David Nau  Uhr
Die Deutsche Bahn hält die Neigezug-Technik für „nicht zukunftsfähig“. Im Land sieht man das anders.

Zwanzig Minuten schneller sollen Fahrgäste mit der Bahn künftig von Stuttgart nach Nürnberg gelangen. Die Fahrzeit des Intercity-Zugs soll sich von aktuell zwei Stunden und zwölf Minuten auf nur eine Stunde und 51 Minuten verringern. Im Bundesverkehrswegeplan (BVWP) ist der Ausbau des Abschnitts von Backnang (Rems-Murr-Kreis) bis Ansbach als „Vordringlicher Bedarf“ eingestuft, 255,2 Millionen Euro sind dafür vorgesehen.

Für die Fahrzeitverkürzung soll vor allem die so genannte „Neigetechnik“ sorgen. Dabei neigen sich die Züge in Kurven in Richtung Innenseite und können so schneller durch die Kurven fahren.

Die kürzere Fahrzeit wird auch im Entwurf für den neuen Deutschlandtakt zugrunde gelegt. Das ist ein neuer Fahrplan, der nach dem Willen von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bis 2030 für mehr Zugangebote und bessere Anschlüsse sorgen soll.

Kein Ersatz für alte Fahrzeuge

Bei der Deutschen Bahn hält man die Neigetechnik jedoch für „nicht zukunftsfähig. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor. Das Schreiben des für Bahn-Themen zuständigen Staatssekretärs im Bundesverkehrsministerium, Enak Ferlemann (CDU), liegt dieser Zeitung vor.

Demnach plant die Bahn, die aktuellen Zugmodelle mit Neigetechnik noch bis in die „2030er Jahre zu nutzen“, danach soll nach dem Willen der Bahn Schluss sein mit der Neigetechnik. „Die Technologie der Neigetechnik ist aus Sicht der DB AG nicht zukunftsfähig“, schreibt das Bundesverkehrsministerium in seiner Antwort auf die Anfrage. Man plane deswegen „zurzeit keinen Ersatz der entsprechenden Flotten durch Fahrzeuge mit aktiver Neigetechnik“.

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Für den Nürtinger Bundestagsabgeordneten Matthias Gastel Grüne) verstrickt sich die Bundesregierung in Widersprüche: „Wenn der Bund Fahrzeiten mit Neigetechnik unterstellt, muss auch deren Einsatz sichergestellt werden, was bisher nicht absehbar ist“, sagt der Bahnexperte. Er fordert von der Bundesregierung ein „schlüssiges Gesamtkonzept für den Deutschland-Takt“.

Verkehrsministerium ist verärgert

Kritik kommt auch aus dem Land. „Die Neigetechnik hat in jedem Falle eine Zukunft“, sagt Uwe Lahl, Amtschef im Verkehrsministerium in Stuttgart. Dort befürchtet man negative Auswirkungen auf die Fahrgäste im Land, falls die Technik ausläuft. „Fahrzeuge mit Neigetechnik sind in der Lage, auf bestimmten Strecken Reisezeiten zu verkürzen und können daher in bestimmten Einsatzgebieten eine strategische Option sein.“ Lahl weist auf einen weiteren Aspekt hin: „Die Landschaft muss nicht durch Neubaustrecken durchschnitten werden, die für viel Geld gebaut werden müssen.“

Im Verkehrsministerium in Stuttgart gibt es Überlegungen, wie man dem Ende der Neigetechnik bei der Deutschen Bahn begegnen kann: „Falls die DB sich von dieser Technik dauerhaft verabschiedet, können bei Ausschreibungen und Vergaben andere Anbieter zum Zug kommen, die auf Neigetechnik setzen“, sagt der Amtschef von Minister Winfried Hermann (Grüne).

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Auch die Gäubahn ist betroffen

Ausbau: Erst vor wenigen Tagen haben sich Bund und Bahn über die Finanzierung eines zweigleisigen Ausbaus der Gäubahn zwischen Horb und Neckarhausen geeinigt. Die Strecke führt von Stuttgart über Singen nach Zürich. Laut einem Gutachten des Landes sollen der teilweise Ausbau der Strecke sowie der Einsatz von Zügen mit Neigetechnik die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Zürich um etwa 20 Minuten verkürzen. „Baden-Württemberg braucht eine leistungsfähigere Nord-Süd-Achse in seiner Mitte“, sagt Uwe Lahl, Amtschef im Verkehrsministerium.