Das Land schaltet um auf Krisenmodus. Doch nicht jeder ist für die Ausnahmesituation gleichermaßen gerüstet. „Leuten, denen es eh schon schlecht geht, trifft die Krise besonders hart“, sagt Udo Bangerter, Pressesprecher des DRK-Landesverbandes. Zum Beispiel Menschen, die die Unterstützung ehrenamtlicher Sanitäter benötigen. „Aus Rücksicht auf unsere Freiwilligen empfehlen wir die Schließung unseres ,Helfer-vor-Ort’-Angebots“, sagt er. Rund 3000 medizinische Helfer im Land schauen bisher in einer Art Nachbarschaftshilfe nach  Menschen, die medizinischen Rat brauchen. „Wir können nicht riskieren, dass Ehrenamtliche auf Infizierte stoßen.“

Tafel-Läden leiden unter den Hamsterkäufen in Baden-Württemberg

Augenfällig ist auch die Schließung vieler Tafel-Läden. „Nach aktuellem Stand sind 42 Prozent unserer Läden geschlossen“, sagt Constanze Hees vom Landesverband der Tafeln in Stuttgart. „Wir müssen in erster Linie unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter schützen.“ Die sind oftmals älter und damit einem höheren Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Auch mit dem Warennachschub gab es in den vergangenen Tagen immer wieder Probleme. Wegen der Hamsterkäufe konnten viele Supermärkte nichts mehr abgeben. „Wenn jetzt unsere Läden geschlossen werden, schmerzt das jeden Einzelnen von uns sehr“, betont Hees. Einige Initiativen versuchten es deshalb noch mit der Abgabe von bereits fertig gepackten Tüten. Doch das sei nur in Ausnahmefällen möglich. Zu groß ist die Sorge vor Ansteckung.

Gefahr der Ansteckung mit dem Coronavirus in einer Sammelunterkunft

Schwierig ist die Situation auch für Obdachlose. Weil es nachts noch kalt ist, sind viele auf einen Übernachtungsplatz in einer Sammelunterkunft angewiesen. „Dort Abstand zu halten, ist kaum möglich“, sagt Ursel Wolfgramm, Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes im Land. In den Übernachtungsheimen müssen sich mehrere Menschen Zimmer und sanitäre Einrichtungen teilen. Der einzige Schutz für diese Menschen sei bezahlbarer Wohnraum. Doch den gab es schon vor der Krise nicht. Ursel Wolfgramm: „Uns fallen unsere ganzen Versäumnisse auf die Füße.“

Auch die Schließung von Beratungsstellen zum Beispiel für straffällig Gewordene, Suchtkranke, Familien in Krisensituationen bleibt nicht ohne Folgen. „Viele Betroffene brauchen die Beratung für ihre Stabilität“, weiß Ursel Wolfgramm. Auf digitale Angebote umsteigen sei kaum möglich. „Für solche Sachen hatte das Sozialministerium in den vergangenen Jahren kein Geld.“

ENBW hebt Strom- und Gassperren auf

Noch nicht absehbar ist, welche Folgen die Schließung von Angeboten zur Kurz- oder Tagespflege von älteren und an Demenz erkrankten Menschen hätte. Auch die Situation in Werkstätten für Behinderte ist noch ungeklärt. „Wir können nicht sicherstellen, dass eine Ansteckungsgefahr in Werkstätten nicht möglich ist.“ Oft arbeiteten mehrere hundert Menschen auf engem Raum zusammen. Sie seien meist auf eine enge Begleitung angewiesen. Wolfgramm: „Abstandhalten ist da nicht möglich.“ Doch was passiert, wenn diese Angebote nicht mehr aufrechterhalten werden können? Ursel Wolfgramm fordert „flexible Lösungen“. Mitarbeiter, die in Werkstätten freigestellt würden, sollten zum Beispiel Kollegen in stationären Einrichtungen unterstützen können. Das sei aber ohne das „Go“ des Sozialministeriums nicht möglich.

Eine Entscheidung gefallen ist dafür schon auf einem anderen Feld. Menschen, die jetzt in eine finanzielle Schieflage geraten, müssen nach der Zusicherung des Energieversorgers ENBW nicht mit Strom- und Gassperren rechnen. „Wir sind dabei, alle Strom- und Gassperren der vergangenen Wochen aufzuheben“, teilte die stellvertretende Konzernsprecherin Angela Brötel mit.

Getragen von Freiwilligen


Es sind die Freiwilligen, die die Tafel am Laufen halten. Rund 1000 Ehrenamtliche engagieren sich im Südwesten für und in 140 Tafelläden.  Vor der Corona-Krise konnten sie 150 000 Bedürftige mit Lebensmittelspenden versorgen. Arbeitslose zählen zu den Kunden, Rentner, aber auch Familien, deren Einkommen nicht bis zum Monatsende reicht. Der Landesverband wurde Ende 2006 gegründet, doch bereits im Mai 1995 eröffnete in Heidelberg der erste Tafel-Laden. Der Ansatz ist: Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, aber noch gut sind, müssen nicht weggeworfen werden. Sie helfen Menschen in Not über die Runden. Im Land gibt es 900 Tafelläden. eth