Eine erste Corona-Infektion hatte der Mann aus dem Schwarzwald überstanden, die zweite aber überlebte er nicht. Sorgen um einen ausreichenden Schutz machen sich Virologen nach dem Tod des zweimal infizierten Coronakranken aus dem Schwarzwald allerdings nicht. Warum eigentlich nicht? Und bedeutet der Fall aus dem Kreis Freudenstadt, dass selbst einmal Erkrankte nicht geschützt sind vor einer weiteren Ansteckung? Die wichtigsten Fragen - und die Antworten dazu:

Was ist passiert?

Nach Angaben des Landesgesundheitsamtes (LGA) ist ein 72-jähriger Covid-Patient aus dem Kreis Freudenstadt gestorben, der zuvor bereits von einer Erkrankung mit dem Virus genesen war. Nach Angaben des LGA handelt es sich um einen Mann, der im April 2020 erstmalig an Covid-19 erkrankt war. Ende Dezember 2020 habe sich der Mann erneut angesteckt, was Anfang Januar festgestellt worden sei.

Wie oft kommen solche Neu-Infektionen vor?

Bei der Neuinfektion im Schwarzwald handelt es sich nach Überzeugung von Experten und nach jüngeren Studien um einen auch weltweit sehr seltenen Fall. „Das ist ein Ausnahmefall, nach dem ich keine Alarmglocken läuten lassen würde“, sagte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Auch das Robert Koch-Institut spricht von „nur wenigen Fällen“. Bekannt sind weltweit bislang nur einige Dutzend. Nach einem Bericht von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ dürfte der Freudenstädter Fall weltweit erst der dritte bekannt gewordene Todesfall nach einer Corona-Reinfektion sein. Laut LGA ist es ganz sicher der erste derartige Fall im Südwesten und womöglich auch in Deutschland, der bekannt geworden ist.

Wieso kann man sich erneut anstecken, wenn man bereits infiziert war?

Reinfektionen - also eine Ansteckung nach bereits durchgemachter Infektion - sind nach Überzeugung der Virologen zwar selten, aber eben nicht ausgeschlossen. Die bekannten Fälle zeigten, dass Infizierte bei einer ersten Erkrankung nicht immer eine ausreichende Immunität aufbauten und sich erneut anstecken könnten, sagte Watzl, der als Immunologe beim Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund arbeitet. Wie viele Antikörper ein Infizierter entwickle, hänge in der Regel mit der Schwere der Erkrankung zusammen. Wer beispielsweise keine Symptome zeige, bilde oft wenige bis keine Antikörper.

Und wie ist das bei dem Mann aus dem Kreis Freudenstadt gewesen?

Der Mann aus dem Schwarzwald hat nach LGA-Angaben Vorerkrankungen gehabt. Es sei daher wahrscheinlich, dass er bei der ersten Infektion keine starke Immunität ausgebildet habe, sagte Stefan Brockmann, der am Landesgesundheitsamt das Referat Gesundheitsschutz und Epidemiologie leitet.

Hat der Fall etwas mit der britischen Mutation des Virus zu tun?

Der Landkreis Freudenstadt war zwar auch der erste Landkreis in Deutschland, in dem die in Großbritannien entdeckte Virusmutation bei einer Frau festgestellt wurde, die aus Großbritannien nach Baden-Württemberg eingereist war. Beim aktuellen Fall gebe es aber aus epidemiologischer Sicht keine Hinweise auf die britische oder die Südafrikavariante des Coronavirus, teilte das LGA der dpa mit.

Verlaufen erneute Infektionen immer schwerer als erste Ansteckungen?

Nein, das Gegenteil scheint überwiegend der Fall zu sein. Die meisten registrierten Reinfektionen seien milder verlaufen als die ersten Ansteckungen, wenngleich es auch wenige Ausnahmen gegeben habe, berichtet zum Beispiel das Fachzeitschrift „British Medical Journal“ (BMJ). „Es ist fast sicher, dass die Immunität nach einer milden ersten Infektion nicht lange anhält“, zitiert das BMJ den Medizinprofessor Paul Hunter von der britischen University of East Anglia. Unter dem Strich verlaufe eine erneute Infektion aber in der Regel weniger schwer, weil das Immunsystem bereits gerüstet sei.

Verringert sich der Immunschutz nach einer Ansteckung?

Ja. Eine Corona-Infektion könnte neuen Studien zufolge zwar monatelang vor einer Neuansteckung mit dem Virus schützen. Allerdings schwindet der natürliche Immunschutz von Infektionen auch mit der Zeit. Wie lange einmal Infizierte immun sind, lässt sich derzeit noch nicht sicher sagen. Studien zur Immunität über längere Zeiträume sind bislang schlicht nicht möglich, da es Sars-CoV-2 noch gar nicht so lange gibt. Ohne das Impfen würde die Gesellschaft aber nie ausreichend geschützt sein, zeigt sich Immunologe Watzl überzeugt.

Ist der baden-württembergische Gesundheitsminister überrascht?

Nein, Gesundheitsminister Manne Lucha dämpft aber auch Erwartungen: „Wir und die Wissenschaft sind noch weit davon entfernt, alles über die Wirkung des Virus zu wissen“, sagte der Grünen-Politiker der dpa. Reinfektionen seien zwar äußerst selten. Der Todesfall zeige aber, wie gefährlich und unberechenbar das Virus sein könne.

Wie lange schützt mich eine Impfung?

Auch nach einer Impfung kann man sich wahrscheinlich irgendwann wieder anstecken. Allerdings gibt es hier erst wenige Erfahrungswerte, da Impfstoffe deutlich kürzer vorliegen als das Virus im Umlauf ist. Gegen Ostern könne man vielleicht abschätzen, ob der Antikörper-Spiegel auch nach einer Impfung sinkt, sagte Uwe-Gerd Liebert, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Leipzig. Davon abhängig sei, wie oft man nachimpfen müssen.

Gibt es Erfahrungswerte?

Gegen Grippe muss man sich jedes Jahr impfen lassen, weil auch hier die Antikörper mit der Zeit verschwinden. Bei Masern dauert es laut Liebert hingegen zehn Jahre oder mehr, bis der Antikörperspiegel anfange abzusinken. Bei Corona geht er davon aus, dass man alle zwei bis drei Jahre nachimpfen muss. Immunologe Watzl schätzt vorsichtig, die Immunität nach einer Corona-Impfung könnte fünf bis zehn Jahre anhalten.