Nieselregen, drei Grad und matschige Wege – dieser Sonntag ist eigentlich kein Tag für einen Ausflug, könnte man denken. Doch wer auf die Großbaustelle von Stuttgart 21 kommt, sieht, dass das offenbar für viele Einwohner der Landeshauptstadt und der Region nicht stimmt.

Schon am Vormittag, knapp eine Stunde, nachdem die Zugänge geöffnet wurden, drängen sich auch am dritten Tag der Informations- und Werbeaktion für das umstrittene Großprojekt die Menschen auf der Brücke, die über die Baugrube des künftigen Tiefbahnhofs führt. Rentnergruppen, junge Pärchen und viele Familien mit Kindern schauen auf die erste fertiggestellte Kelchstütze, von denen insgesamt 28 einmal das Dach der Bahnhofshalle tragen sollen.

2,8 Millionen Euro pro Stütze

Vor dem Bauzaun weiter unten stehen Dutzende von Menschen, um sich die extrem aufwendige Betonschalenkonstruktion der Säulen erklären zu lassen. Sie sind weltweit einmalig, solche Kelchstützen wurden in dieser Bauweise zuvor noch nie aus Beton hergestellt. Sie sind jede nach Angaben des Bauunternehmens Züblin im Schnitt 2,8 Millionen Euro teuer.

Abstecher in die Tiefe

Die Leistungen der Ingenieure und Bauarbeiter bei der Umsetzung des Mammutprojektes begeistert viele Besucher, auch Gertraude und Friedrich Scharr. „Wir sind fasziniert von der Technik“, sagt der Rentner aus Stuttgart-Weilimdorf. Das Ehepaar steht tief unter der Erde am Ende des Rettungsstollens, der an der Südseite des neuen Bahnhofs dahin führt, wo der Fildertunnel für die ICE-Strecke nach Ulm sowie die Tunnel nach Ober- und Untertürkheim beginnen.

Fans hoffen

Auch dort sind an diesem Vormittag Hunderte von Besuchern unterwegs, obwohl der Tunneleingang einige Minuten Fußweg von der Bahnhofsbaustelle entfernt liegt. Das Rentnerpaar war nach eigener Aussage von Anfang an für S 21. „Überall auf der Welt werden tolle Sachen gebaut, nur in Stuttgart wird immer gespart“, meint Friedrich Scharr. Er hofft, dass der Bahnhof in Wirklichkeit tatsächlich so repräsentativ wird, wie er seiner Meinung nach in der Planung aussieht.

Die Besuchstage sind aber auch ein Ausflugsziel für Familien – Inklusive Baggerfahren, Baggersimulator und Betonmischen. Und vielen Fotos von den Kindern und Enkeln auf der Baustelle. Da könne man von Jahr zu Jahr den Fortschritt des Projektes und das Wachsen der Kinder gemeinsam dokumentieren, sagt Manfred Groh, der mit Sohn und Enkeln aus Weinstadt im Remstal nach Stuttgart gekommen ist. „Da können meine Enkel vielleicht später einmal ihren Kindern und Enkeln zeigen, wie Stuttgart 21 entstanden ist“, sagt er.

Schwebende Direktion

Die Gegner des Großprojektes sind nach Aussage von Bahnmitarbeitern an den Infoständen an den drei Tagen klar in der Minderheit. „99 Prozent sind interessiert, ein Prozent kritisch“, heißt es am Stand in der alten Bahnhofshalle, an dem der bevorstehende Umbau des denkmalgeschützten Gebäudes erklärt wird. Und selbst erklärte S-21-Gegner hätten Respekt für die ingenieurtechnischen Leistungen gezeigt, sagt eine Bahnmitarbeiterin, die Besuchern erklärt, wie man die denkmalgeschützte ehemalige Reichsbahndirektion „zum Schweben“ gebracht hat, um darunter die Nordzufahrt zum Tiefbahnhof bauen zu können.

Auch Heinz Münch aus Stuttgart-Münster, der mit Frau und Kindern auf der Baustelle unterwegs ist, war eigentlich gegen das Großprojekt, hat beim Volksentscheid dagegen gestimmt. Verhindern will er jetzt nichts mehr, er hat aber einen Wunsch: „Der Bahnhof soll möglichst zügig fertig werden.“

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Publikumsmagnet Zum vierten Mal  veranstaltete der Verein Bahnprojekt Stuttgart – Ulm die „Tage der offenen Baustelle“, um Besuchern einen Einblick in die S-21-Baustelle zu gewähren. In diesem Jahr wurde mit 35 000 die zweithöchste Besucherzahl registriert. Insgesamt waren in den vier Jahren rund 135 000 Menschen auf die „größte Baustelle Europas“ gekommen, so der S-21-Verein. Um die Besucherströme an den drei Tagen auf dem Bahnhofsgelände zu lenken, hatten die Veranstalter rund vier Kilometer Bauzaun aufgestellt. jüs