Bühlerzell / Elisabeth Schweikert

Jetzt isch hier a Ruah!“ Erzürnt läuft Matthias Kurz, Wirt des „Goldenen Hirschs“, auf die rund 25-köpfige Demonstrantengruppe zu, die sich gegenüber seiner Gaststätte in Bühlerzell aufgestellt hat. „Kein Herz für Hetze“, hatten sie laut und rhythmisch gerufen. Markus Hartung tritt aus der Dunkelheit heraus und stellt sich zwischen Matthias Kurz und die Demonstranten. „Das ist alles im grünen Bereich“, erklärt der Polizist vom Polizeiposten Bühlertann. „Die Demonstration ist angemeldet.“ „Das muss ich dulden?“ Kurz ist fassungslos. Er verweist auf Arbeiter, die bei ihm einquartiert sind und schlafen wollten, weil sie um Mitternacht zur Nachtschicht aufstehen. Die Erklärungen der Demonstranten will Kurz nicht
hören. Er geht mit Hartung diskutierend zur Seite. Die Demonstranten beratschlagen und besorgen einen Kasten Bier. Der soll die Monteure für die Unannehmlichkeiten entschädigen.

Mehr Respekt

„Freunde, der Udo ist da“, ruft Versammlungsleiter Lukas Gwinner (22) aus Bühlertann, als der hiesige AfD-Landtagsabgeordnete Udo Stein mit seiner weißen Limousine vorfährt. „Udo, Udo, Udo“, rufen die jungen Leute und: „Ihr seid keine Alternative.“ Stein geht auf die Gruppe zu und meint: „In der Demokratie muss man die Meinung des Andersdenkenden respektieren. Ich habe noch nie gegen eine Partei demonstriert. Mit so einem Verhalten wäre man in der Zeit von ’33 bis ’45 eher aufgehoben.“

Während Gäste zum „Hirsch“ gehen, kommt es immer wieder zu kurzem Wortaustausch. „Lumpenpack“ heißt es oder „Kindergarten“. Eine Frau lässt sich vorfahren, steigt aus und zeigt den hochgereckten Mittelfinger, als sie in die Gaststätte geht. Zu richtigen Gesprächen zwischen beiden Parteien kommt es erst später. Hauptthemen sind Flüchtlinge, Migration, Integration und soziale Ungleichheit.

Im „Hirsch“ ist der Saal mit 120 Gästen gut gefüllt, wie in den Vorjahren auch. Der Fraktionsvorsitzende Bernd Gögel ist erkrankt, deshalb ist der Heidelberger Unternehmer Malte Kaufmann angereist. Udo Stein hält die erste Rede. Hatte er im Vorjahr noch zahlreiche Redewendungen aus dem völkischen Vokabular verwendet, klingen diese Töne heuer nicht mehr an. Medienschelte ist angesagt: „Die meisten Artikel sind unter aller Kanone, Neutralität, Distanz und Objektivität sehen anders aus.“ Er nimmt Stellung zur Parteispendenaffäre von Alice Weidel („Die Spenden werden hochgeschaukelt. Vergessen wird: Wir haben die komplette Summe zurückgezahlt.“). Stein kritisiert die Grünen für die Haltung zum Klimawandel: „Es gab Warmzeiten und Kaltzeiten“, sagt Stein. „Wir sollen die Welt retten“, dabei sei der Anteil Deutschlands am Gesamtausstoß von CO2 weltweit winzig.

Sex auf Krankenschein

Anton Baron, AfD-Landtagsabgeordneter im Hohenlohekreis, begrüßt die Gäste mit „hochverehrte Andersgeschlechtliche und liebe V-Leute“. Er bekommt viele Lacher für seine verbalen Karikaturen der politischen Gegner.
Annegret Kramp-Karrenbauer, kurz AKK, sei Angelas kleine Kopie. Baron sagt: „AKK wird die Grenzen nicht schließen, sie wird weiter das Scheckbuch zücken.“ „Die wählen wir“, ruft ein Gast. Feixen und Lachen, als Baron von dem Grünen-Vorschlag von „Sex auf Krankenschein für Pflegebedürftige“ spricht.

„Wir sind die Partei der Freiheit, bürgerlich, konservativ, patriotisch“, sagt Malte Kaufmann und bekommt dafür frenetischen Beifall. 5,8 Millionen Menschen in Deutschland hätten die AfD gewählt, doch versuchten „die alten Monopolparteien“ die Konkurrenz „überall auszugrenzen“. Seine Partei wolle Europa schützen und deshalb die Außengrenzen schließen. Er sieht gute Chancen, „dass wir die Wende schaffen“, dafür, dass „der große Block an Rechtsparteien“ in Europa die Mehrheit bekomme. „Wir sind die Zukunft von Deutschland“, sagt er. Abstimmungen in Schulen zeigten, dass mehr als die Hälfte mit der AfD sympathisiere.

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„Falsche Lösungen für unwichtige Probleme“

„Die AfD spricht keine Probleme an, die wirklich wichtig sind“, sagt Lukas Gwinner. „Und die Lösungen für die Dinge, die eigentlich kein Problem sind, sind falsch.“ Der 22-jährige Bühlertanner hat die Demo am Faschingsdienstag angemeldet. Der Politikstudent hatte am Wochenende gesehen, dass der politische Aschermittwoch der AfD ansteht und seinen Freundeskreis sowie die Jusos mobilisiert.

Spontan kommen einzelne Bühlerzeller hinzu, Sven Semmler (38), etwa oder Manfred Faust (59). „Wir brauchen den braunen Sumpf nicht“, sagt Faust, „das hatten wir alles schon.“ Pascal Gruber (19), Kreisvorsitzender der Jusos, sagt: „Es ist wichtig, dass ein Zeichen gesetzt wird gegen die rechte Szene.“ sel