Missbrauchsfall Staufen Behörden räumen Fehler ein

Im Juni verurteilt: die Mutter des Zehnjährigen und ihr Lebensgefährte. Das Paar aus Staufen hat das Kind an andere Männer für zahllose Sexualverbrechen verkauft.
Im Juni verurteilt: die Mutter des Zehnjährigen und ihr Lebensgefährte. Das Paar aus Staufen hat das Kind an andere Männer für zahllose Sexualverbrechen verkauft. © Foto: Patrick Seeger/dpa
Freiburg / Petra Walheim 06.09.2018
Gericht und Jugendamt wollen aus dem Missbrauchsfall Staufen Lehren ziehen: In zwei Bereichen soll nachgebessert werden.

Der Informationsfluss zwischen Gerichten und Jugendamt muss deutlich verbessert, Ge- und Verbote müssen kontrolliert werden. So soll erreicht werden, „dass sich so ein Fall möglichst nicht wiederholt“.  Alexander Riedel, Präsident des Oberlandesgerichts (OLG) Karlsruhe, präsentierte gestern in Freiburg mit weiteren Mitgliedern einer Arbeitsgruppe die Konsequenzen, die aus dem „Missbrauchsfall Staufen“ gezogen werden sollen.

Auch die Landesregierung reagiert auf das jahrelange Martyrium, das ein kleiner Junge aus Staufen bei Freiburg erleiden musste, – obwohl es Hinweise gegeben hatte, dass das Kind gefährdet ist.  Gestern hat sich in Stuttgart eine ressortübergreifende Kommission „Kinderschutz“  aus Vertretern des Sozial-, Justiz-, Innen-, Kultus- und Staatsministeriums konstituiert, in die auch Experten aus Wissenschaft und Praxis eingebunden werden sollen. Ziel dieses Gremiums ist, die „potenziellen Defizite im Kinderschutz“ zu analysieren.

Das kommt für den heute zehnjährigen Luca (Name geändert) aus Staufen zu spät. Er wurde mehr als zwei Jahre von seiner Mutter und deren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern vorbestraften Partner misshandelt und im Internet für Vergewaltigungen angeboten. Mutter, Stiefvater und sechs Männer, die den Jungen missbraucht haben, wurden in den vergangenen Wochen zu langen Haftstrafen verurteilt.

Im März 2017 hat der Junge vorübergehend in einer Pflegefamilie gelebt. Weil die Mutter versprach, ihr Kind zu schützen, entschied das Familiengericht, Luca wieder in die Familie zu  lassen. Kurz danach begann der Missbrauch an dem Jungen erneut. „Auf die Idee, dass die Mutter der größte Feind des Kindes ist, kommt man nicht“, sagte Riedel.

Wie es zu der Fehleinschätzung kommen konnte, hat eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des OLG, des Amtsgerichts Freiburg und des Landratsamts Breisgau-Hochschwarzwald, in dem das Jugendamt angesiedelt ist, aufgearbeitet und gestern den Abschlussbericht vorgestellt. Ein Ergebnis ist, dass „vorhandene Informationen nicht frühestmöglich weitergegeben  und nicht alle Erkenntnismöglichkeiten ausgeschöpft wurden“. Das heißt, das Jugendamt hat seine fachlichen Einschätzungen und Unterlagen nicht unverzüglich an das Familiengericht weitergegeben. Außerdem wurde der Junge nicht befragt. Künftig werden die Gründe, warum  möglicherweise gefährdete Kinder vor Gericht nicht angehört werden, dokumentiert.

Wieso lebte Christian L. überhaupt bei Luca?

Unerklärlich ist, warum Christian L., der wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern im Gefängnis saß, trotz  eines Verbots unbehelligt bei Lucas Mutter leben und den Jungen missbrauchen konnte. Um das zu verhindern, „muss kontrolliert werden, ob die Gebote und Verbote zum Schutz des Kindeswohls von den Eltern auch eingehalten werden“, heißt es in dem Bericht. Beim Gerichtstermin  soll vereinbart werden, von wem, wann und wie die Einhaltung kontrolliert wird.

Thorsten Culmsee, Dezernent im Landratsamt, räumte zudem ein: „Wir haben unsere Rolle als Verfahrensbeteiligter vor Gericht in dem Fall nicht voll ausgespielt.“ Das heißt, das Jugendamt hat die Entscheidung des Familiengerichts, den Jungen zurück in die Familie zu lassen, weder hinterfragt noch kritisiert. Auch das soll sich ändern – und hat sich nach Aussage von Alexander Riedel schon geändert. „Die Vertreter der Jugendämter sind deutlich kritischer geworden.“

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SPD fordert externe Expertenkommission

Sascha Binder, der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, fordert zur vollständigen Aufklärung des „Missbrauchsfalls Staufen“ eine „externe und unabhängige Expertenkommission, die den Fall schonungslos aufarbeitet und zwar ohne, dass ihr dabei die Staatskanzlei und vier Ministerien über die Schulter schauen“. Für ihn ist der Fall Staufen nicht aufgeklärt.

Nach Angaben des Landes soll die ressortübergreifende Kommission untersuchen, welche Konsequenzen zu ziehen sind, um Kinder und Jugendliche „künftig noch besser, nachhaltig und dauerhaft vor Gewalt und sexuellem Missbraucht zu schützen“. wal

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