Es sollte alles so schön werden mit den neuen „Talent 2“-Zügen im schicken weiß-gelb-schwarzen Landesdesign: Klimaanlage, moderne Fahrgastinformationssysteme, Wlan, viel Platz für Fahrräder und mehr Barrierefreiheit. Eigentlich sollten die neuen Züge des Herstellers Bombardier ab Juni 2019 auf den Regionalbahnstrecken von Stuttgart nach Pforzheim und weiter nach Heidelberg unterwegs sein. Wenn der private Bahnkonzern Abellio die Strecken am 9. Juni von der Deutschen Bahn übernimmt, bleibt wohl aber zumindest was die Züge angeht alles beim Alten: Der Zughersteller Bombardier kann die neuen Fahrzeuge nämlich nicht wie vereinbart rechtzeitig ausliefern.

Kurz vor Ostern hatte der kanadische Konzern in einer Sitzung dem Betreiber Abellio und dem Verkehrsministerium mitgeteilt, dass bis zum Betriebsstart im Juni höchstens sechs neue Fahrzeuge geliefert werden können. Inzwischen ist nur noch von zwei Zügen die Rede. Vereinbart waren 16 neue Fahrzeuge. Bei Abellio ist man entsprechend genervt über das Verhalten des Herstellers: „Das ist sehr ärgerlich für die Fahrgäste. Wir hatten uns den Start anders vorgestellt“, sagt Abellio-Sprecherin Hannelore Schuster. Das Vertrauen in den Hersteller sei „stark in Mitleidenschaft gezogen“ worden, Schuster spricht vom „doppelten Wortbruch“ durch Bombardier.

Zum Hintergrund: Bereits im Februar hatte der Zughersteller mitgeteilt, dass man aufgrund von Verzögerungen im Produktionsablauf und bei der Zulassung des Zugtyps nur zehn Fahrzeuge fristgerecht liefern könne. Weil nun nicht einmal das klappt, stelle man die Glaubwürdigkeit der Informationspolitik in Frage, sagt die Abellio-Sprecherin.

Start mit geliehenen Zügen

Damit auf den Strecken ab Juni überhaupt noch Züge verkehren, hat Abellio nun einen Ersatzplan entwickelt. Zum Betriebsstart wolle man komplett mit Leihfahrzeugen an den Start gehen, denn die nun zugesicherten sechs „Talent 2“-Züge reichen laut Angaben von Abellio nicht aus, um den Betrieb sicherzustellen. Nun sollen zunächst geliehene Züge der Bahntochter DB Regio, der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) und der Agilis Verkehrsgesellschaft fahren.

Sauer ist man auch im zuständigen Verkehrsministerium von Winfried Hermann (Grüne): „Wir sind höchst verärgert, dass Bombardier seine Zusage auf pünktliche Lieferung der Züge nicht eingehalten hat“, sagt Hermanns Sprecher Edgar Neumann. Damit stehe nun „das Thema Zuverlässigkeit dieses Unternehmens auf der Tagesordnung“.

Von „Unzuverlässigkeit“ spricht auch der ökologische Verkehrsclub VCD: „Die Fahrgäste in Baden-Württemberg leiden jetzt schon seit Jahren unter den Fahrzeugmängeln von Bombardier. Im letzten Jahr waren es die Loks für den Regionalverkehr, jetzt sind es die Lokomotiven für die IC2-Züge und demnächst die fehlenden Talent-Triebwagen“, sagt der Landesvorsitzende Matthias Lieb.

Bei Go Ahead sollen die Züge rollen

Besser läuft es bei Go Ahead. Das britische Unternehmen übernimmt ab Juni ebenfalls Strecken in Baden-Württemberg und hat dafür 28 neue Züge des schweizerischen Herstellers Stadler bestellt. Ab Dezember sollen dann 66 Züge des Typs „Flirt 3“ im Land unterwegs sein. „Wir haben aktuell keine Anzeichen dafür, dass es nicht klappen wird“, sagt Unternehmenssprecher Erik Bethkenhagen.

Bei Abellio hofft man, dass Zughersteller Bombardier den Lieferverzug zügig wieder ausgleicht. Denn im Dezember 2019 und um Juni 2020 übernimmt Abellio weitere Strecken im Land und ist auf die Züge angewiesen. Darauf vertrauen will man laut Sprecherin Schuster nicht: „Wir sind inzwischen sehr vorsichtig und überlegen, was zu tun ist, wenn Bombardier nicht liefern kann.“ Beim gescholtenen Hersteller versichert man, mit „Hochdruck“ daran zu arbeiten.

Aktuell hat der Zughersteller jedoch für sein Modell „Talent 2“ noch keine Zulassung durch das zuständige Eisenbahnbundesamt. „Bis Ende Mai rechnen wir mit der Zulassung“, sagt Michael Fohrer, Deutschland-Chef von Bombardier. Man habe vor drei Wochen die letzten Unterlagen bei der Behörde eingereicht. Man bedauere, dass Abellio den Betrieb in Baden-Württemberg nicht mit dem „Talent 2“ aufnehmen könne. Als Grund für die Verzögerung nennt Fohrer „neue nationale und europäische Normen“, die neue Software erforderten. Diese Technik sei nicht rechtzeitig fertig geworden.

Grundsätzliche Kritik der FDP

Die FDP-Fraktion kritisiert, dass es in Zukunft keine der beliebten Doppelstock-Waggons mehr geben werde und zudem teilweise weniger Sitzplätze. „Wie es also zu den erhofften Steigerungen der Fahrgastzahlen kommen soll, bleibt das Geheimnis des grünen Verkehrsministers“, betonte der verkehrspolitische Sprecher, Jochen Haußmann. Bereits heute seien im Berufsverkehr die Züge übervoll. Auch deshalb werde sich „das ganze Gerede vom Umstieg vom Auto auf den ÖPNV oftmals als Schall und Rauch“ erweisen.

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Private Betreiber auf vielen Strecken im Land


Im Regionalverkehr in Baden-Württemberg ändert sich in den kommenden Jahren einiges: Auf vielen Strecken, die aktuell noch von der Bahn-Tochter DB Regio bedient werden, fahren künftig die privaten Betreiber.

Ab Juni 2019 übernimmt Abellio die Strecken von Stuttgart nach Pforzheim und Heidelberg. Konkurrent Go Ahead fährt dann auf den Strecken Stuttgart-Crailsheim und Karlsruhe-Stuttgart-Aalen.

Im Dezember 2019 folgen die Strecken von Stuttgart nach Heilbronn (Abellio), Ulm, Würzburg und Nürnberg (Go Ahead).

Von Stuttgart nach Tübingen fährt Abellio von Juni 2020 an. dna