Bürgergespräche, Debatte im Landtag, wütende Leserbriefe: Das Chaos auf der Filstalbahn, wo Pendler seit Mitte Dezember täglich mit Verspätungen, Ausfällen und überfüllten Zügen zu kämpfen haben, bewegt seit Wochen die Landespolitik. Es ist aber nicht die einzige Strecke in Baden-Württemberg, auf der nicht alles glatt läuft. Auch in anderen Regionen gibt es im Bahnverkehr große Probleme für Pendler, die täglich vor Herausforderungen stellen. Ein Überblick:

Tübingen/Reutlingen: Viele Ausfälle und Probleme auf der Neckar-Alb-Bahn

Anfang Dezember platzte Boris Palmer der Kragen. In einem Brief an Bahnchef Richard Lutz schrieb der Tübinger Oberbürgermeister von „Managementversagen“ und „miserablen Pünktlichkeitswerten“. Die Antwort des Verkehrsministeriums auf eine Anfrage der Landtags-SPD offenbart, wie schlecht die Situation im Dezember war. So sind im Dezember 2019 insgesamt 198 Fahrten der Regionalbahn (RB) von Tübingen nach Stuttgart ungeplant ausgefallen. Der IRE fiel im Dezember zwar nur 13 Mal aus, fuhr aber gerade einmal in 25,2 Prozent aller Fälle mit weniger als vier Minuten Verspätung in Stuttgart ab.

Als Ursache für Ausfälle und Verspätungen nennt das Ministerium fehlendes Personal und Fahrzeugschäden. Eine Bahnsprecherin bestätigte, dass man im Bereich Tübingen ein Problem mit fehlenden Lokführern habe. „Die Probleme bei der Verfügbarkeit von Fahrzeugen sind inzwischen behoben.“

Ausgedünnter Fahrplan auf Neckar-Alb-Bahn und Ammertalbahn

Weil weitere Lokführer nicht in Sicht sind, hat die Bahn das Angebot auf der Neckar-Alb-Bahn Anfang Februar reduziert. Samstags und Sonntags fallen alle regulären Regionalbahnen zwischen Tübingen und Plochingen aus und werden durch einen stündlichen Zug ersetzt. Auch auf der Ammertalbahn zwischen Tübingen und Herrenberg wird deswegen samstag der Halbstundentakt gestrichen und durch einen Stundentakt ersetzt.

Eine Bahnsprecherin begründet das so: „Wir wollen nicht unkontrolliert Züge ausfallen lassen, sondern in einem reduzierten Angebot Verlässlichkeit bieten.“ Entspannen soll sich die Situation von April an; dann ist die Ammertalbahn wegen Bauarbeiten für die Elektrifizierung gesperrt. Wie es danach aussieht, ist unklar: „Wir können keine Entspannung versprechen.“

Abellio: Rund um Heilbronn fehlen noch 19 Züge von Bombardier

Vor allem fehlende Fahrzeuge machen dem Bahnbetreiber Abellio rund um Heilbronn zu schaffen. Seit Dezember ist das Unternehmen für die Strecken von Stuttgart über Heilbronn nach Osterburken und Mannheim zuständig. Weil der Zughersteller Bombardier bis Dezember statt der bestellten 25 neuen „Talent 2“-Züge lediglich sechs Fahrzeuge liefern konnte, fährt zwischen Stuttgart und Heilbronn (RE10) die DB Regio im Unterauftrag von Abellio. Dort kommt es immer wieder zu Verspätungen und Zugausfällen.

Aber auch auf dem Abschnitt zwischen Heilbronn und Mannheim, wo Abellio selbst fährt, gibt es Probleme. „Die Fahrzeuge sind von der Qualität nicht so, wie wir sie bestellt haben“, sagt eine Sprecherin von Abellio. Es komme daher immer wieder zu Fahrzeugausfällen, auch bei der Pünktlichkeit gebe es noch Luft nach oben.

Mühlacker, Pforzheim, Bruchsal: Abellio hat Probleme mit der Software

Bereits seit Juni 2019 betreibt Abellio die Strecke von Stuttgart über Mühlacker nach Pforzheim und Bruchsal. Auch dorthin konnte Bombardier nicht rechtzeitig genügend Fahrzeuge liefern, bis heute fehlen noch immer vier Züge. „Die ausgelieferten Züge haben noch nicht den finalen Softwarestand“, sagt die Sprecherin von Abellio. Das Flügeln, also das Teilen eines Zuges, funktioniere in Mühlacker deswegen nicht. Bis Juni will Bombardier die noch fehlenden 22 Züge ausliefern. Abellio hält das für „unrealistisch“ und arbeitet an einem Ersatzkonzept.

Breisgau S-Bahn Freiburg: Zu komplexes System für DB Regio

Im Breisgau sollte mit dem Fahrplanwechsel im Dezember ein neues Bahn-Zeitalter beginnen. Mit dem Start der Breisgau-S-Bahn verbindet seither eine durchgehende Ost-West-Verbindung von Endingen über Freiburg bis nach Villingen die Region am Kaiserstuhl mit dem Hochschwarzwald.

Die neue Verbindung ist für den Betreiber DB Regio schwierig, weil die Züge in Titisee und Gottenheim getrennt und wieder zusammengeführt werden – und das rund 120 Mal am Tag. Zu schwierig, wie sich kurz nach dem Start herausstellte: Pendler erlebten stundenlange Verspätungen und zahlreiche Zugausfälle.

„Wir haben festgestellt, dass das Flügeln und Koppeln zu komplex ist“, teilt eine Bahnsprecherin. Deswegen hat man nun die Reißleine gezogen und fährt von Montag an mit einem veränderten Konzept, das weniger komplizierte Flügelvorgänge vorsieht.

„Ziel ist und bleibt, in diesem Jahr schrittweise zum geplanten Zielkonzept zurückzukehren“, teilte Verkersminister Winfried Hermann (Grüne) mit. Die Bahn wagt jedoch keine Prognose, wann das der Fall sein wird.

Drei weitere Züge für das Filstal


Der Bahnbetreiber Go-Ahead, der seit Dezember für den Regionalverkehr auf der Filstalbahn zwischen Stuttgart und Ulm zuständig ist, hat drei weitere neue Züge bekommen. Wie der Zughersteller Stadler mitteilt, habe man Anfang Februar zwei dreiteilige Fahrzeuge und ein fünfteiliges Fahrzeug an Go-Ahead ausgeliefert. Ein Go-Ahead-Sprecher bestätigte die Angaben von Stadler. Stadler betont, dass man die Züge „vor dem vertraglichen Liefertermin von Mitte Februar“ ausgeliefert habe.