Die „Gnadenfrist“ endete nach 15 Monaten. Am 9. Mai 1944 wurden 39 Kinder aus Sinti- und Roma-Familien vom katholischen Heim der St. Josefspflege in Mulfingen nach Auschwitz deportiert. Andere Kinder aus der von den Nazis als „Zigeuner“ verfolgten Volksgruppe waren bereits am 29. Januar 1943 dorthin gebracht worden. Doch die Buben und Mädchen im hohenlohischen Dorf an der Jagst wurden für die „Feldforschung“ benötigt. Das Staatsarchiv Ludwigsburg greift ihr Schicksal exemplarisch auf für eine Ausstellung über Kinder als Opfer der NS-Mordprogramme.

„In der Masse der Toten gehen die Kinder meist unter, sie sind irgendwie mit dabei“, erklärt Abteilungsleiter Peter Müller. Die Dokumentation soll deshalb Kinder „in den Vordergrund rücken“. Wie viele Minderjährige während der NS-Diktatur umgebracht worden sind, kann der Historiker nicht einmal schätzen: „Es gibt ja auch keine zuverlässigen Zahlen von den erwachsenen Opfern.“

Objekte der Forschung

Wie die Mordmaschinerie funktionierte, belegen die in Ludwigsburg gezeigten Auszüge aus den Akten. Nach Mulfingen, in die 1854 gegründete „Kinderrettungsanstalt“, waren ab 1938 alle schulpflichtigen Kinder von „Zigeunern“ aus Baden und Württemberg eingewiesen worden. Dort ließ sich 1943 für sechs Wochen die „Rasseforscherin“ Eva Justin nieder. Die Sächsin hatte Medizin in Tübingen studiert, war eine der Stützen der „Rassehygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle“ in Berlin. In der Josefspflege recherchierte sie für ihre Doktorarbeit über „Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder und ihrer Nachkommen“.

Als das „Untersuchungsgut“ im Frühjahr vor 75 Jahren nicht mehr benötigt wurde, mussten die 39 Jungen und Mädchen zwischen sieben und 16 Jahren mit ihren Betreuerinnen in einen Bus steigen, der sie nach Künzelsau brachte. „Wir machen einen Ausflug“, wurde ihnen versprochen. Mit dem Zug gelangten sie nach Crailsheim, wo sie in einen Waggon umsteigen mussten, den die Waffen-SS ins KZ Auschwitz-Birkenau eskortierte. Nur vier Kinder haben überlebt.

„Verschiedenste Stellen waren in irgendeiner Weise verwickelt, sie hatten jeweils nur einen Teil zu verantworten, aber sie haben dazu beigetragen, dass das mörderische Räderwerk funktioniert hat“, sagt Müller. So bestätigte das Amtsgericht Bad Cannstatt, das Erziehungsverfahren für mehrere Kinder von Sinti und Roma sei beendet, „weil sie in einem Zigeunerlager in Schlesien untergebracht und damit der Zweck der Fürsorgeerziehung anderweitig sichergestellt“ sei. Gemeint ist das KZ Auschwitz.

Mit bürokratischer Gleichgültigkeit wurde auch bei der Euthanasie von „lebensunwerten Ballastexistenzen“ vorgegangen. Im ganzen Reich entstanden an 30 Krankenhäusern „Fachabteilungen“, um Behinderte und Missgebildete „dem gesunden Volkskörper zu entziehen“. Als „zentrale Figur“ am Stuttgarter Krankenhaus gilt Karl Lempp, ihm werden mindestens 52  Fälle zugeschrieben. Nach 1945 durfte der „entnazifizierte“ Arzt das Gesundheitsamt leiten, 1954 wurde er mit dem Titel „Professor“ geehrt.

In Winnenden fiel die pflegebedürftige Hella Blanckertz in den 1950er Jahren durch eine ausgeprägte Angst vor Lungenentzündungen auf. Auch wehrte sie sich gegen Spritzen. Als Ärztin war sie in der Heilanstalt Winnental an der „Behandlung“ jener als geisteskrank abgestempelten Kinder beteiligt, die nach Grafeneck (Kreis Reutlingen) gebracht und vergast wurden – wenn sie nicht vorher starben. Zwei Fälle sind dokumentiert, in denen Eltern von Töchtern handschriftlich mitgeteilt wurde, dass „in absehbarer Zeit mit ihrem Ableben zu rechnen ist“. Drei Tage später waren sie tot. Offizielle Ursache: Lungenentzündung. Der „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ ließ sich Kinder melden für „eine Behandlung in bekanntem Sinne“.

Zum Zynismus, den Historiker Müller mehrfach entdeckte, gehört die Sprachregelung. Damit Verwandte nicht Verdacht schöpfen sollten, musste der formelle Name des Mordzentrums gebraucht werden: „Die Bezeichnung Heilerziehungsanstalt dürfte eine Verlegung der in Frage kommenden Kinder gegenüber den Angehörigen erleichtern.“

Bilder geben ein Stück Würde zurück


Die Künstlerin Mechtild Schöllkopf-Horlacher aus Stuttgart porträtiert getötete Kinder wie die behinderte Gerda aus Weissach-Flacht (Foto). „Anfangs war ich bestürzt, jetzt macht es mir Freude, weil ich ihnen ein Stück ihrer Würde zurückgeben kann.“ Die Werke sind im Staatsarchiv zu sehen.

Die Ausstellung „Die Kinder und der Tod“ ist bis 9. Mai in Ludwigsburg bei freiem Eintritt zu sehen. Zum Begleitprogramm gehören Filme, Theater und Lesung.